Universalmöbel zum Kochen

Der gesellschaftliche und technologische Wandel fordert Küchenhersteller heraus. Weitermachen wie bisher geht da nicht. Poggenpohl besteht seit 125 Jahren – und zeigt, wie man sich dennoch neu orientieren kann.

Text: Thomas Edelmann

Elegant – trotz drei Metern Länge: Die flexible Küche +Venovo.

Die älteste Küchenmarke der Welt feiert 2018 ihr 125-jähriges Bestehen. In Mailand stellt Poggenpohl im eigenen Showroom sowohl einen neuen, dreigeteilten Kommunikationsstrang als auch das neue Küchenkonzept +Venovo vor. Bei der Strategie rückt der Mensch in den Mittelpunkt – wie auch anders, da wir die Anschaffung von Küchen zumindest derzeit noch nicht unseren digitalen Assistenten überlassen. Ein neues Markenbuch stellt den veränderten Ansatz in Bild und Text vor. Das Unternehmen setzt demnach auf vorbehaltloses Zuhören und Beobachten, möchte Kunden mit offenen Armen begegnen. Eine klare Analyse soll zur Entwicklung neuer Konzepte führen, ein partnerschaftliches Angebot in der kreativen, individuellen Küchengestaltung münden, passend zum Lebensentwurf der Kunden.

Auf den ersten Blick mag das ein wenig banal klingen. Doch in einem Wettbewerbsumfeld, das sich zunehmend auf Variantenbildung versteift, ist die Kommunikationsidee durchaus anspruchsvoll. Denn die meisten Wettbewerber setzen allein auf neue Fronten, Oberflächen und technische Details, die ihnen Zulieferer offerieren. Dabei sind die Voraussetzungen der Poggenpohl-Analyse durchaus vertraut. Immer mehr Menschen ziehen in Städte, die sich folglich stärker verdichten, wobei der Wohnraum immer knapper wird. Nicht etwa, wie lange propagiert, in erster Linie wegen des ästhetischen Konzeptes, sondern durch ökonomische Verknappung der Fläche entstehen offene Wohngrundrisse – im Mikroapartment ebenso wie im großzügigen Loft. Zwischen Wohnen, Kochen und Speisen gibt es keine Wände mehr, ein offener Raum tritt an die Stelle funktional gegliederter, abgegrenzter Raumfolgen.

Zwar gelangen Küchen zunehmend in den Wohnraum. Doch wie André Backemeier, Direktor Marketing und Design bei Poggenpohl, erläutert, sind die Ergebnisse bislang oft unbefriedigend, denn man habe einfach die »herkömmlichen Küchen in den Wohnraum übertragen. Der Prozess der Anpassung lief über Materialien, die dem Wohnraum entliehen sind. Die Küchenarchitektur blieb unverändert.« Mit der neuen Küche +Venovo macht Poggenpohl nun vieles anders. Es handelt sich nicht um ein Modell, das millimetergenau in jede Nische eingefügt wird, sondern um ein Möbel, das sich »eklektisch in jede Wohnumgebung einpasst«, wie Backemeier sagt. Auf schmalen, u-förmigen Kufen, verchromt wie ein modernes Möbel, schwebt ein elegantes, allseitig nutzbares Gehäuse. Eingehängt sind Module mit Kochfeld, Absaugung, Backofen, Kühlgerät, Spüle und Arbeitsfläche. Gestaltet haben es die Hamburger Designer Mathias Knigge und Sören Jungclaus. Traditionell versieht Poggenpohl seine Produkte mit einem vorgelagerten Pluszeichen und spricht statt von Programmen lieber von Konzepten.

Was liegt näher, als sich im Jubiläumsjahr auf den Firmengründer zu beziehen? Friedemir Poggenpohl eröffnete 1892 seinen Tischlerbetrieb mit angeschlossener Möbelhandlung. »Wir wollen die Küche besser machen und Möbel von exzellenter Qualität bauen«, lautete das Motto des Gründers, der anfangs vor allem Einzelmöbel und Buffets fertigte. So sind es denn auch nicht funktionale Klimmzüge, mit denen sich +Venovo vom Umfeld unterscheidet. »Nach 125 Jahren«, so der Designer Mathias Knigge, »kehren wir zu den Anfängen zurück; wieder geht es darum, die Küche als Möbel neu zu erfinden.« Sein Mitstreiter Sören Jungclaus hat lange Jahre als Designer im Büro des Hamburger Architekten Hadi Teherani gearbeitet und dort maßgebliche Designprojekte betreut, unter anderem das raumbildende Konzept +Artesio für Poggenpohl. Knigge hat sich mit seinem Büro Grauwert zum Spezialisten für »Inklusion & demografiefeste Lösungen« entwickelt. Ihn freut, dass es hier tatsächlich noch einmal um eine Produktentwicklung geht, also den intensiven Austausch zwischen Hersteller und Designern. Dabei waren die Designer nicht nur simple Auftragnehmer, sondern nahmen auch am Entwicklungsprozess der neuen Poggenpohl- Kommunikationsstrategie teil, für deren Umsetzung +Venovo ein erstes Beispiel bietet.

Als Backemeier Blickachsen in der Wohnung thematisierte, entstand die Idee, die Küche auf Kufen zu stellen und sie so schwebend erscheinen zu lassen. Ein gut gestalteter, zentraler Anschlusspunkt unter dem Möbel bietet die Zu- und Ableitung für Strom, Wasser und Abwasser. Doch würde die reizvolle Idee auch konstruktiv machbar sein? Die Module nebst Zuladung bringen rund eine Tonne an Gewicht. Doch die Ingenieure von Poggenpohl realisierten ein Mock-up im Maßstab 1:1 und erprobten die Statik. Es gab Entwarnung für die Produktentwickler.

Ergänzende Hoch- und Sideboards machen die Küche vollends zum Wohnobjekt. Feine Details wie die aufliegende Arbeitsplatte, die integrierte Vola-Armatur oder ein kleines, seitliches Ausziehbrett runden den Entwurf ab. Lediglich beim Einbau des Backofens stießen die Designer an derzeit unverrückbare Grenzen. Das Steuerungspaket dieses Standardproduktes ist – aller Digitalisierung zum Trotz – so groß, dass der Ofen zu weit unten im Küchenmodul eingebaut ist. Man braucht schon einen niedrigen Sessel, um da noch heranzukommen. Besser wählt man die Position in einem ergänzenden Hochschrank. Über den Produktnamen, der Assoziationen zu einem Computer- sowie zu einem nur bei seinen Aktionären beliebten Wohnungskonzern entstehen lässt, ließe sich diskutieren. Doch dass Luxusküchen auch einmal als unprätentiöser Lieblingsgegenstand erscheinen können, dafür ist +Venovo ein Beispiel, das Hoffnung macht.