Volles Rohr

Die City-Bikes der niederländischen Marke VanMoof sind leicht zu erkennen: am dicken, oberen Rahmenrohr, das in Front- und Rücklicht ausläuft. Darin steckt buchstäblich mehr, als man denkt. Design erstreckt sich bei VanMoof auch auf die Integration von Elektronik und Vernetzung, auf die Gestaltung von Geschäftsprozessen – und letztlich auf den Anspruch, die Gesellschaft zu verändern.

Text: Martin Krautter
Fotografie: Dirk P. Vogel

Amsterdam, Mauritskade 55: Von hier aus expandiert VanMoof in die Metropolen der Welt.

Das Amsterdamer Rotlichtviertel bei Nacht. An einer belebten Straße sind Fahrräder geparkt. Zwei junge Männer nähern sich, einer packt den Akku-Winkelschleifer aus und beginnt, das Schloss eines Fahrrads zu knacken. Das Gerät kreischt, Funken stieben – das bleibt selbst in Amsterdam nicht unbeachtet. Doch auch als die Polizei hinzustößt, bleiben die Männer entspannt. Geduldig erklären sie den Beamten, sie seien die »Bike Hunters« von VanMoof mit der Mission, das gestohlene Fahrrad eines Kunden zurückzuholen.

Eine erstaunliche Szene, die sich unter dem Stichwort »VanMoof Bike Hunters« auf YouTube finden und miterleben lässt. Und die eine Menge über die holländische Fahrradkultur im Allgemeinen und das Designverständnis der jungen Amsterdamer Fahrradmarke VanMoof im Besonderen aussagt. Als vor inzwischen neun Jahren die ersten Fahrräder unter diesem Label erschienen, konnte man als Zweiradexperte noch über das armdicke Oberrohr lächeln und es als eine der unzähligen Designvarianten abtun, die im Lauf der Geschichte des Fahrrades meist so schnell wieder verschwanden, wie sie auftauchten. Doch VanMoof ist immer noch da, expandiert mit neuen Produkten und einem eigenen Vertriebssystem aus Onlineshop und Läden in Metropolen und beschäftigt weltweit inzwischen rund 120, allein im Amsterdamer Hauptquartier 50 bis 60 Mitarbeiter: Irgendwas scheint hier also anders, und zwar erfolgreich gelaufen zu sein.

Dem Geheimnis auf der Spur, suchen wir den Firmensitz an der Mauritskade im Osten Amsterdams auf. Eine gepflegte Gegend mit ehrwürdigen Schulgebäuden, alten Straßenbäumen und Parks. Die nüchterne Industriehalle aus den 1960er Jahren, eine ehemalige Druckerei, in der VanMoof residiert, sticht heraus – nicht nur wegen des gebäudebreiten Marken-Schriftzugs. Der Flagshipstore mit Werkstatt im Erdgeschoss, hell und unprätentiös gestaltet, ist durch ein Atrium unmittelbar mit den Büros im Obergeschoss verbunden. Kundennähe ist hier offensichtlich keine Floskel. In der Ausstellung: die aktuellen Grundmodelle des VanMoof-Fahrrades, als Standardvariante, als Smart Bike oder als Electrified S, also smartes Elektrofahrrad. Mit dem ursprünglichen VanMoof teilen sie den minimalistischen Auftritt und als markentypisches Element das voluminöse Oberrohr, das an seinen jeweiligen Enden Scheinwerfer und Rücklicht aufnimmt.

Nah am Kunden: Flagship-Store, Verwaltung und Produktentwicklung sind in einer ehemaligen Druckerei untergebracht.

Wiedererkennbar? Unbedingt! Schön? Geschmackssache. Doch darum geht es Taco Carlier auch gar nicht. »Wir interessieren uns überhaupt nicht dafür, das schönste Fahrrad von allen zu machen«, überrascht uns der Mitgründer von VanMoof, »wir wollen vor allem ein Geschäftsmodell designen, das funktioniert. Und dafür wollen wir die Hindernisse beseitigen, die Menschen heute davon abhalten, in der Stadt mit dem Fahrrad zu fahren.« Das Ziel, das Taco Carlier und sein Bruder Ties seit der gemeinsamen Gründung des Unternehmens 2009 verfolgen, steckt schon im Namen: Moof kommt von Movement, und nicht weniger als eine globale Bewegung möchten sie etablieren. Welche, darauf deutet der typisch niederländische Namensbestandteil »van« hin – nämlich eine urbane Radfahrkultur nach Amsterdamer Vorbild.

Zu den Problemen, die Taco Carlier dabei lösen will, gehört zum Beispiel der auch in Amsterdam grassierende Fahrraddiebstahl. »Die Angst vor Diebstahl ist ein zentraler Grund, warum viele Leute billige, schlecht funktionierende oder schlimmstenfalls sogar wiederum gestohlene Fahrräder kaufen, anstatt in ein anständiges Rad zu investieren «, sagt Carlier. Der Lösungsansatz geht dabei über reines Produktdesign weit hinaus. Er umfasst die Integration von drahtlosen, digitalen Technologien, die das Fahrrad zum Smart Bike machen, ebenso wie innovative Serviceleistungen. Technologisch setzt Carlier auf Mobilfunktechnologie: »Das integrierte Schloss beim Smart Bike und beim Electrified entriegelt sich, sobald der Besitzer mit seinem Smartphone in Reichweite des Fahrrads kommt«, erläutert der Designer. In der Fahrradelektronik steckt ein GSM-Modul, also praktisch ein kleines Mobiltelefon, sowie ein Bluetooth-Modul.

Der Besitzer kann einen Diebstahl seines Rades via App melden. Erst dann wird das Tracking des Rades aktiviert – und die bereits erwähnten »Bike Hunters« treten in Aktion. Sie orten zunächst die Funkzelle, in der sich das Fahrrad befindet, und suchen dann vor Ort nach den Bluetooth- Signalen, die auch aus Kellern oder Wohnungen nach außen dringen. VanMoof meint es ernst mit diesem Service: Durchaus abenteuerliche Einsätze der »Bike Hunters« nicht nur in Amsterdam, sondern auch in Marokko oder Rumänien dokumentiert die Firma mit Videos auf YouTube. Die »Peace-of-Mind«-Garantie für den Käufer lautet: Beschaffen wir dein Fahrrad nicht innerhalb von zwei Wochen wieder, gibt es ein neues.

Teil dieser integrierten Designstrategie vom Produkt bis zum Service ist auch das eigene Vertriebssystem. Van- Dutch Design Schwerpunkt Schwerpunkt Moof ist vertikalisiert, das heißt, das Unternehmen verfügt über eigene Verkaufskanäle in Form von Onlineshops und einem Netz eigener Markenstores in Metropolen wie San Francisco, New York, Paris, London, Tokio, Taipeh und Berlin. Das war nicht immer so: »Am Anfang wollten wir über Fachhändler verkaufen«, erzählt Taco Carlier, »doch es lief schlecht, die Händler kamen mit den integrierten Komponenten nicht klar. Sie hätten lieber vorrätiges Standardzubehör verkauft, und sie wollten die Kundendaten nicht mit uns teilen, was für die Integration smarter Funktionen aber wichtig ist.« Jetzt vertreibt VanMoof direkt – und hat so alles unter Kontrolle. Design, Entwicklung und die Expansion in die Metropolen der Welt kosten viel Geld. Bei der Finanzierung fährt das Unternehmen zweigleisig: Erst im Herbst 2017 investierten die Venture-Kapitalisten von Slingshot vier Millionen Euro. Weitere 2,5 Millionen Euro sammelte VanMoof via Crowdfunding ein – und gab so seinen Fans und Kunden die Chance, Teilhaber an einer Erfolgsgeschichte zu werden, die auch davon erzählt, was Design bewirken kann.

vanmoof.com 

Zwanglose Arbeitsatmosphäre: Auch beim Office-Design kultiviert VanMoof seinen Charakter als Startup.

Botschaft mit Augenzwinkern: Eine Designphilosophie, die bis ins grafische Detail reicht.

Service als Erlebnis: Hier arbeitet kein gewöhnlicher Mechaniker, sondern ein »Bike Doctor«.

Vorsicht, Spannung: Für VanMoof stellt das elektrifizierte Fahrrad eine Revolution des urbanen Verkehrs dar.


»Unser Ziel: ein Fahrrad mit integriertem Design«

Ein Gespräch mit Taco Carlier, Mitgründer von VanMoof, über Smart Bikes in Metropolen und die Gestaltung des gesamten Unternehmens um das Produkt herum.

Interview: Martin Krautter

Taco, warum stehen draußen auf dem Gang eigentlich so viele Kartons mit Riesenfernsehern?
Taco Carlier: Haha, das sind natürlich Fahrräder! Wir hatten speziell in den USA ein Problem mit Schäden beim Versand. In schlechten Wochen kamen bis zu 25 Prozent der Fahrräder beschädigt beim Kunden an. Mein Bruder Ties hatte die Idee, Fernseher auf die Verpackungen zu drucken – damit geht jeder vorsichtig um. Die Transportschäden sind auf ein Prozent gesunken. Design wirkt!

Du bist selbst ausgebildet als Designer?
Ich habe an der Technischen Universität in Delft »Industrial Design Engineering« studiert. Dort stehen Aspekte wie Materialien, Konstruktion und Produktionsprozesse von Konsumgütern gleichwertig neben der eigentlichen Gestaltung. Ich habe also einen starken technischen Hintergrund, aber heute befasse ich mich vor allem mit Vertrieb, Marketing und Design hier in Amsterdam, während mein Bruder sich in Taiwan, wo die Lieferanten sitzen, um Konstruktion, Technik und Montage kümmert. Er ist ein richtiger Ingenieur, Fachrichtung Fahrzeugtechnik.

Ihr habt VanMoof gemeinsam gegründet. Wie kam euch die Idee?
Ties und ich waren in New York. Wir liehen uns Fahrräder und entdeckten, dass New York City eigentlich eine perfekte Fahrradstadt sein könnte. Relativ flach, großartige Kulisse, die Brooklyn Bridge – aber kaum jemand fuhr Rad! Das war vor neun Jahren. Seitdem hat sich zum Glück etwas verändert. Trotzdem: Wir fragten uns, warum fahren die Leute in Amsterdam mit dem Rad, und dort nicht? Wie müsste ein Fahrrad für New York aussehen? So entstand das erste VanMoof. Wir begannen, immer mehr Funktionselemente in den Rahmen zu integrieren – und so entwickelte sich das Design weiter, mit Diebstahlschutz, Elektroantrieb und so weiter, bis zu unserem smarten Connected Bike von heute.

Taco Carlier managt VanMoof von Amsterdam aus, während sein Bruder und Mitgründer Ties in Taipeh Engineering und Produktion steuert.

Diese Designentwicklung musstest du bestimmt schon oft beschreiben. Also mal andersrum: Warum sehen die anderen Fahrräder denn alle gleich aus? 

Das liegt an den traditionellen Strukturen. Die meisten Fahrradhersteller nehmen einen Rahmen – früher selbst geschweißt, heute eingekauft – und bauen zugelieferte Komponenten dran. Kaum ein Hersteller entwickelt Teile selbst. Wer eine eigenständig designte Beleuchtung möchte, muss lange mit dem Lampenhersteller diskutieren. Unser Ziel ist ein Fahrrad mit integriertem Design – alle Komponenten sind von uns gestaltet, sodass das Produkt aussieht wie aus einem Guss und nicht wie ein Haufen Teile.

Inzwischen ist die Designsprache so eigenständig, dass ihr auf auffälliges Branding am Fahrrad weitgehend verzichtet.
Genau. Das ist kein leichter Weg, denn natürlich gibt es bei jeder selbst designten Komponente Anlaufprobleme und Kinderkrankheiten. Über viele Fahrradteile wurde 50 Jahre lang nicht mehr nachgedacht. Das alles anzupacken, kostet viel Arbeit und Geld. Aber es ist der Weg, um sich wirklich vom Rest des Marktes abzusetzen und endlich die Probleme anzupacken, die bisher viele Leute vom Radfahren abhalten. Was uns reizt, ist diese breitere Perspektive: Wir gestalten nicht nur das einzelne Produkt, sondern das gesamte Unternehmen um das Produkt herum, wie es auch Marken wie Apple, Tesla oder Sonos tun. Ich sehe drei große Wellen, die uns dabei tragen: Erstens, die Menschen in den großen Metropolen rund um den Globus entdecken die Vorteile des Radfahrens, weil der Autoverkehr kollabiert. Zweitens, Elektrofahrräder sind eine echte Revolution und ermöglichen das Pendeln mit dem Fahrrad auch über größere Distanzen, in hügeligem Gelände oder in heißen Gegenden. Ich habe das in New York einen Monat lang ausprobiert, man ist dort mit dem Elektrofahrrad unglaublich schnell unterwegs. Und drittens, die Menschen möchten auch Fahrräder immer öfter online kaufen.

Wie schnell bekomme ich denn mein VanMoof, wenn ich im Web bestelle?
Unser Ziel ist, innerhalb eines Tages liefern zu können. Auch hier gestalten wir die Prozesse entsprechend, was sich bis ins technische Produktdesign auswirkt: Wenn du heute ein Fahrrad im Laden kaufst, ist in der Regel ein Check-up nach drei Monaten inklusive. Da wird die Kette gespannt, ein bisschen geölt, und es werden ein paar Schrauben nachgezogen. Und der Händler verkauft dir bei dieser Gelegenheit gerne Zubehör. Im Onlineszenario ergibt das keinen Sinn. Also haben wir den Check-up überflüssig gemacht: Wir bauen automatische Kettenspanner ein, und in der Produktion werden mit Computerunterstützung alle Schrauben von vornherein korrekt angezogen. Unser Versprechen ist: Dein VanMoof fährt die ersten zwei Jahre wartungsfrei – ride and go.

Klares Ziel der Designstrategie von VanMoof: Radfahren soll überall so attraktiv werden wie in Amsterdam.