#Stühlewieimmer

Eames Plastic Chair, Charles & Ray Eames, © Vitra (vitra.com)

Der Eames Plastic Chair ist gern gesehener Stammgast in schick zusammenkuratierten Hipster-Wohnungen. Hat die Generation Y keine eigenen Designikonen? Unsere Gastautorin Alexandra Brechlin, selbst Berliner Lifestyle-Redakteurin, wagt einen Erklärungsversuch.

Meine Freunde erwähnen sie in den Sozialen Medien gern unter dem Hashtag »#Stühlewieimmer«. Denn ganz gleich, ob in den Homestories des Onlinemagazins »Freunde von Freunden«, auf Fotostrecken in Modemagazinen oder in einem dieser todschicken Hipster-Appartements – irgendwo steht immer einer rum: ein Plastic Chair von Charles und Ray Eames. Lässig neben ein Teak-Sideboard gestellt und dekorativ mit Kleidern oder einer Céline-Bag behangen, strahlt er aus: Hier wohnen die jungen Kreativen, die Start-up-Gründer und hippen Berlin-Mitte-Kinder. Sprich: alle coolen, jungen Leute des 21. Jahrhunderts – und die, die sich dafür halten.

Woher kommt der Hype um dieses It-Furniture, das sich in WGs der Mittzwanziger ebenso findet wie in den Altbauwohnungen der bildungsbürgerlichen Mittvierziger? Und: Hat meine Generation keine eigenen Ideen?

Entwickelt wurde der Stuhl in den 1940er Jahren und von Herman Miller und Vitra so exzessiv produziert, dass er durch seine Allgegenwart irgendwann aus der Mode kam. In den 1990ern konnte man ihn tatsächlich auf dem Sperrmüll finden – eine Vorstellung, die heute ganz Berlin-Neukölln in hellen Aufruhr versetzen würde. Denn aktuell werden allein die Side- Chair-Sitzschalen in Vintage-Läden für 400 Euro oder mehr verkauft, Onlineshops wie Fab oder Monoqi verkaufen die Fiberglasmodelle noch teurer, und auf Ebay findet man die alten Schalen, neu lackiert in »Originalfarben«. Gemäß der allgemein gültigen Trendformel des 21. Jahrhunderts: Aus Alt wird Neu wird Hip – egal ob in der Design-, Musik- oder Modewelt. Unterdreißigjährige kaufen, den besten Soundanlagen zum Trotz, wieder Plattenspieler; und auf den Laufstegen wurde inzwischen jede Dekade des letzten Jahrhunderts bis in die 1990er Jahre durchexerziert. Im Möbeldesign ist derzeit eben die Mid-Century- Moderne angesagt, eine Zeit, als unsere Großeltern jung waren.

Ja, meine Generation scheint sich mit dem inflationären Gebrauch der Plastic Chairs auf den Errungenschaften vorheriger Generationen auszuruhen. Natürlich spiegelt sich in der Vorliebe für Retrodesign die Sehnsucht nach einer Zeit wider, in der die Welt noch nicht so schnell und multidimensional war, man sich noch ganz verlässlich ohne WhatsApp zum Treffen verabredete, sich ohne Tinder verliebte und der Chef nach Feierabend nicht per Facebook-Messenger Nachrichten verschickte.

Andererseits ist in unserem Mittelschichtsalltag vieles so bequem geworden, dass die jungen Generationen nicht mehr rebellieren müssen. Sicherheitsnadeln durch die Nase, kaputte Jeans oder die Idee, ein gediegenes Wohnzimmerinterieur durch eine einfache Glühbirne und einen schlichten Eames-Chair zu ersetzen, treibt niemanden mehr in den Wahnsinn. Es war ja alles irgendwann schon einmal da. Die Jugend – zumindest in großen Teilen der westlichen Gesellschaft – ist so frei wie keine Generation zuvor, und genau darin liegt ihre Unfreiheit. In einer Welt, in der fast alles möglich ist, fühlen wir uns von dem Angebot überfordert. Es fällt schwer, eine eigene Identität zu finden, und anstatt uns auszuprobieren, bleiben wir erst mal wie gelähmt sitzen und googlen lieber aus der sicheren Distanz. Das Resultat: der Stillstand eines kulturellen Entwicklungsprozesses – als hätte man Angst vor einer Weiterführung der Moderne.

Vielen Nutzern des Plastic Chair in meinem Umfeld ist das Besondere des Stuhls kaum mehr bewusst: nämlich, neben der organisch geschwungenen Form, sein Entstehungskontext. Als einer der ersten industriell produzierten Kunststoffstühle ist er das Ergebnis eines bemerkenswerten Entwurfs- und Herstellungsprozesses seiner Zeit. Durch das gut formbare Fiberglas, ursprünglich im Flugzeugbau verwendet, und durch die markante Handschrift der Designer transportierte das Wohnobjekt den damaligen Zeitgeist und avancierte genau dadurch zur Designikone. Der Eames- Chair – das war Fortschritt! Heute fertigt Vitra günstigere, umweltfreundlichere Polypropylen-Varianten der Sitzschalen; für den ursprünglichen Geist des Entwurfs interessieren sich meist nur noch diejenigen, die sich beruflich mit Design auseinandersetzen.

Natürlich haben die Entwürfe von Charles und Ray Eames ein absolutes Recht auf ihren Klassikerstatus. Sie sind leicht, funktional, bequem, variantenreich und sehen aufgrund ihrer filigran-eleganten Gestaltung in fast jedem Interieur gut aus. Diese Flexibilität macht sie ungemein praktisch für eine Generation, die sich auf keinen Fall zu früh festlegen kann und will. Zu Gründertum und Kreativendasein gehören immer noch oft genug eine prekäre Lebenssituation, geringe Gehälter, befristete Arbeitsverträge, kleine Stadtwohnungen und viele Umzüge. Langfristige Planungen und teure, voluminöse Möbelanschaffungen kommen da kaum infrage.

Ein Ende der Eames-Begeisterung ist nicht in Sicht. Uns fehlt die Besessenheit, die es für die Entwicklung neuer Trends braucht. Die Generation vor uns war in den 1980er und frühen 1990er Jahren verrückt genug, um für eine neue Handtasche nach Paris zu fahren – eben weil es ein bestimmtes Modell nur in der kleinen Boutique in einer Seitenstraße der Champs-Élysées gab. Heute können wir alles rund um die Uhr, rund um die Welt online bestellen. Wir müssen uns mit nichts mehr ausgiebig beschäftigen – das macht ebenso flexibel wie träge. Die eigentliche Frage an meine Generation sollte also nicht lauten: Warum stehen immer noch Eames-Chairs in euren Wohnungen? Sondern: Was brauchen wir, um an den Geist von damals anzuknüpfen – und nicht ausschließlich an dessen Formensprache?

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