Per Animation durch die Galaxis

Lost in Lexus: Wer heute die Mittelkonsole seines Autos bedient, fühlt sich manchmal wie im Raumschiff. Dabei verlangen Interfaces im Automobildesign maximal klare Bedienoberflächen. Fabian Kragenings, selbst Industrie- und Grafikdesigner, hat den Science-Fiction-Spaß in verschiedenen Modellen ausprobiert.

Text: Fabian Kragenings

Interieur des Lexus-Concept Cars LF-1 Limitless 2018, entwickelt von Calty Design Research.
© Lexus

Mein Bruder hat, ganz im Gegensatz zu mir, seit jeher eine Leidenschaft für Autos und Motorsport. Er arbeitet als Autojournalist in Köln und testet regelmäßig in der ganzen Welt neue Modelle. Als ich ihn das letzte Mal besucht habe, bestand er darauf, mich persönlich vom Hauptbahnhof abzuholen – mit dem Auto. Als ich im Getümmel der Parkzone einen knallgelben Sportwagen vorfahren sah, wusste ich auch, warum: Der Testwagen, den er an diesem Wochenende zur Verfügung hatte, war ein Lexus LC 500 mit 477 PS und sechsstelligem Listenpreis. Außen ganz Kraft und Leistung, fiel mein Blick, als Christoph den Wagen startete, im Innern auf die Armaturen: Das Lenkrad bewegte sich langsam in Position, auf dem Display lief die Start- Animation ab und auf der Instrumententafel rückte ein aufgesetzter Tachoring von rechts in die Mitte. Das Fahrzeug hatte sich noch keinen Meter bewegt, ich aber dachte: Meine erste Fahrt in einem Raumschiff!

Das Fahrgefühl wird vorab visualisiert
Wo analoge Möglichkeiten der Inszenierung – etwa die scharfkantige Karosserieform oder die handgefertigten Zierstiche der Sitze – an Grenzen stoßen, tritt das Digitale in Aktion. Der Fahrer steigt nicht mehr einfach ins Auto und fügt sich den Gegebenheiten, sondern umgekehrt, der Innenraum passt sich dem Fahrer an und eröffnet im Digitalen neue Räume für die individuelle Entfaltung. Allein für den Tacho hält der Lexus vier verschiedene Darstellungsformate bereit – je nachdem, welcher Fahrmodus aktiv ist. Und wo früher bestenfalls ein Knopf leuchtete, wird nun Fahrgefühl visualisiert.
Der Lexus LC 500 ist nur ein Beispiel für eine gesteigerte User-Experience und ein Storytelling, das sich bewusst am Science-Fiction-Genre orientiert. Der Audi Q8 etwa hält es mit der komplett leeren, unbespielten Matrix des gleichnamigen Films und offenbart dem Fahrer, bevor dieser die Zündung betätigt, lediglich gläserne schwarze Flächen, die sich sogleich mit Menüs, Bedienelementen und Informationen füllen. Die LED-Leisten der Mittelkonsole rücken die Inszenierung zusätzlich ins rechte Licht. Einzig vier Elemente, darunter der Startknopf, sind als physische Tasten erhalten geblieben.

Knöpfe werden durch Symbole ersetzt
Neben Effekten nehmen aber auch Dichte und Fülle der Informationen zu. Gab es früher lediglich einen Drehknopf für warme und kalte Luft, so können heute Fahrer, Beifahrer und hinten sitzende Passagiere nicht nur Zone, Art und Stärke der Belüftung wählen, sie müssen es. Die Logik dieser Komplexität fordert ihren Tribut in der Bewältigung derselben. Wie findet sich der Benutzer in der Informationsflut zurecht? Das gängigste Mittel sind kennzeichnende Symbole, die, je nach Hersteller, immer wieder neu erfunden werden. Manches wird aus anderen Kontexten übernommen, etwa das Zahnrad als Symbol für »Einstellungen«, anderes bleibt rätselhaft und muss durch Text ergänzt werden: Ob »Coming-Home«-Funktion oder »Automatischer Spurassistent« – auf Anhieb versteht sich da nichts von selbst.

Der Nutzer verliert sich in den Tiefen der Menüs
Entsprechend unintuitiv funktioniert auch die Menüführung digitaler Fahrzeuginterfaces: Hat etwa der rund zehn Jahre alte Fiat Panda meiner Mutter sämtliche analogen Bedienelemente übersichtlich nebeneinander angeordnet, sodass sie gleichzeitig wahrnehmbar und schnell zu bedienen sind, setzen digitale Menüs auf komplexe Informationshierarchien, in deren Tiefen der Nutzer erst eintauchen muss. Einstellungen erfolgen nicht mehr gleichzeitig, sondern nacheinander, was rasches Reagieren erschwert, vor allem, wenn der Blick auf die Straße gerichtet und die Hände am Steuer sein sollen.
Auch wenn digitale Animationen als semantische Träger einer eindrucksvollen Welt daherkommen, so ist es doch Aufgabe des Designs, sie so einzusetzen, dass Effekt und praktischer Gehalt in einem sinnvollen Verhältnis zueinander stehen. Meinem Bruder Christoph sind die überladenen Inszenierungen des Lexus-Interieurs übrigens gar nicht aufgefallen – was hoffen lässt, dass es sich dabei nur um eine zeitweilig auftretende Randerscheinung handelt.


Fabian Kragenings (31) arbeitet als selbständiger Produkt- und Grafikdesigner für Unternehmen wie Porsche Design, Huawei und Panasonic. 2017 gründete er mit der toomuchjustright GmbH ein Modelabel. Kragenings promoviert an der HfG Offenbach zum Thema Prozesse und Parametrie. Im Rahmen seiner Promotion initiierte er im Frühjahr 2018 den Design Iteration Award, eine Auszeichnung für herausragende Gestaltungsprozesse.