Opulente Auftritte 

Es Devlins Bühnen für die Rolling Stones, die Pet Shop Boys und U2, für Opern und Theaterstücke sind Spektakel aus Farben, Zeichen und Licht. Ihr Gespür für große visuelle Gesten hat die Londoner Bühnendesignerin selbst zum Idol werden lassen.

Text: Gerrit Terstiege

© Es Devlin, Foto: Nikolas Koenig
Die Installation »The Egg« (2018) in der New Yorker XI Gallery zeigt ein 3-D-Modell Manhattans auf einer konkaven Fläche, die durch einen Spiegel die Form eines Eis oder einer Muschel annimmt.

Think big! Die Räume, die Es Devlin bespielt, könnten größer nicht sein: Festivals, riesige Eventhallen und Sportarenen. Gleiches gilt für die Stars, die sie beauftragen, ihre Songs räumlich zu inszenieren und in völlig neuem Licht erscheinen zu lassen: Lady Gaga, Adele, Kanye West oder Beyoncé. Oder nehmen wir den Auftritt von Abel Tesfaye, auch bekannt als »The Weeknd«, auf dem kalifornischen Coachella-Festival im April: Hier bewegt sich der kanadische Sänger – lässig und scheinbar winzig klein – vor einer mehr als neun Meter hohen Maske, die, leicht geneigt, zur immer wieder neuen Projektionsfläche für flirrende Lichtspiele wird. Ihr beigestellt ist eine riesige Hand, weshalb die Bühne wirkt, als sei sie das Wasser, das einen Ertrinkenden umgibt. Oder ein Sandstrand, aus dem das Zeugnis einer untergegangenen Zivilisation ragt, wie die berühmte, schiefe Freiheitsstatue in »Planet der Affen«. Gerade ihre Uneindeutigkeit lässt die Bühnenskulptur über den gesamten Auftritt hinweg zum Symbol werden, das sich, immer wieder anders angestrahlt, den Songs subtil anpasst: Mal scheint die Maske ganz im Hintergrund aufzugehen, mal wird sie zum hell erleuchteten, gleißenden Artefakt.
Dass sich ein solch markantes Bühnendesign in kürzester Zeit zum Hit auf Instagram und YouTube entwickelt, was heute schon in der Entwurfsphase mitgedacht werden muss, ist klar. Etliche Clips des Coachella-Auftritts wurden von Fans in den Sozialen Medien hochgeladen und verschafften Devlins temporären »One-offs« ein gigantisches Publikum – und das keineswegs nur kurzfristig: 

© David Ellis
Mehr über Es Devlin erfährt man in der Netflix-Serie »Abstract: The Art of Design«.

Allein die Konzertbilder, die der Performer selbst auf seinem Instagram-Account teilte, erreichten bis jetzt weit über 600.000 Likes, ein Filmclip knapp zwei Millionen Aufrufe. So werden heute Legenden gemacht.
»Seit einiger Zeit interessiert mich das Thema ›Porträt‹ bei Live-Performances«, so Devlin. »Vor allem Dinge wie Alter Egos, Bühnen-Personae, Masken, Make-up. In diesem Fall machten wir einen 3-D-Scan von Abels Gesicht, was die Basis eines CNC-geschnittenen Negativs bildete, aus dem dann das reale Modell aus Fiberglas geformt wurde. « Umgesetzt hat die raumgreifende Skulptur das kalifornische Studio Artistic Entertainment Services (AES), das auf die Herstellung monströser Aufsteller in Freizeitparks spezialisiert ist – von Super Mario über Harry Potter bis zu den Simpsons.
Keine Frage: Wer in den Dimensionen von Sportarenen denkt, wer Performer zu Legenden machen will, darf keine Angst vor plakativen Effekten und eingängigen Zeichen haben. Bühnendesign, wie es Devlin betreibt, ist Pop. Ihre Methoden: Vergrößerung (durch Projektionen und Videowände), physische Erhöhung (durch voluminöse Bühnenelemente, auf oder vor denen getanzt und gesungen wird) und die auratische Überhöhung der Stars (durch wechselnd farbiges Licht und die Überblendung der Performer mit ihrem medialen Bild). Darüber hinaus gehören Überraschungseffekte wie dynamische, sich öffnende Bühnenelemente – und solche mitten im Zuschauerraum – zu ihrem Repertoire. Alles dient dem einen Ziel: eine Show zu kreieren, die überraschend und einzigartig ist – abgestimmt und fokussiert auf die jeweiligen Musiker, ihre Performance und Songs.
Natürlich müssen sich ihre Entwürfe ebenso an der jeweils letzten Giga-Show des Künstlers messen lassen wie an den aktuellen Shows der Konkurrenz. Dass Popstars heute über Konzerte weit mehr Geld einnehmen als via Spotify-Streaming, Downloads oder CD-Verkäufe, ist bekannt. Diese Entwicklung hat dazu beigetragen, dass der Gestaltung von Live-Events immer größere Bedeutung zukommt: Jede neue Tour muss noch spektakulärer und umwerfender werden als die vorherige. Es Devlins britischer Kollege, der Architekt und Bühnendesigner Mark Fisher, hat es in den 1980er und 1990er Jahren vorgemacht: Seine bombastischen Bühnenentwürfe, etwa für Pink Floyd und die Rolling Stones haben fraglos Standards gesetzt. Devlin arbeitet subtiler, leise und groß zugleich, und poetischer in ihrem Einsatz modernster Multimediatechnik.
Aber hat sie auch so etwas wie eine eigene Designsprache, einen unverwechselbaren Stil? Auf den ersten Blick lautet die Antwort: nein. Zu unterschiedlich sind ihre Auftraggeber, zu denen neben Pop-Legenden auch berühmte Mode-Labels, Museen, Theater und Opernhäuser zählen. Was ihre Entwürfe aber verbindet, ist ihre sehr persönliche Herangehensweise: Devlin entwickelt ihre Ideen im Gespräch gemeinsam mit den Stars: »Viele Performance- Künstler sind visuell sehr geschult, die Bedeutung ihrer Show für ihr Image ist ihnen sehr bewusst. Und es ist ihnen wichtig, dass das Stage Design ihre Persönlichkeit, ihre Emotionen, ihre Songs transportiert.« Selbst das opulenteste Bühnendesign beginnt für Es Devlin also mit einem Treffen, einer ersten groben Skizze, wie jener auf der Rückseite von Adeles Setlist, die die Designerin aufbewahrt wie einen Schatz: »Einer meiner Lehrer am College hat mir einen großartigen Tipp gegeben: ›Never think without a pencil.‹«

© Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Le Troyens, Wiener Staatsoper, 2018
Im Oktober feierte die Trojaner-Oper von Hector Berlioz in Wien mit einem fulminanten Bühnendesign von Es Devlin Premiere. Als Hintergrund fungiert hier ein architektonisch stilisiertes Troja, das Devlin mit Balkonen für die Sängerinnen und Sänger ausgestattet hat. Das zentrale Element bildet ein riesiger Pferdekopf, der wirkt, als sei er aus Metall und Maschinenteilen zusammengeschweißt. Statt das im Epos beschriebene Holzpferd als Ganzes zu zeigen, schafft Devlin mit der Pferdekopf-Assemblage ein ikonisches Bühnenelement, das sie durch farbiges Licht und Feuer dramatisch in Szene setzt.

© Es Devlin

Adele, Radio City Music Hall, 2015
Das Prinzip »Vergrößerung« gehört zur Popmusik, zur Werbung und zur Pop-Art. Es verwandelt Stars, genau wie Produkte, in Legenden. Als Adele im November 2015 in der New Yorker Radio City Music Hall auftrat, wetteiferten gleich zwei digitale Bildebenen miteinander: Auf einem Screen liefen vorbereitete Close-up-Videos der Sängerin, in Schwarz-Weiß und beinahe in Zeitlupe, während Es Devlin die hohe Kuppel der Halle zur gigantischen Projektionsfläche für die Liveübertragung des Geschehens auf der Bühne machte – ebenfalls in Schwarz-Weiß.

© Ev Devlin

EXPO 2020, Dubai
Wenn die Weltausstellung in den Vereinigten Arabischen Emiraten ihre Tore öffnet, werden etliche der mehr als 130 teilnehmenden Länder ihre Pavillons mit Verweisen auf ihre jeweilige nationale Identität ausstatten. Es Devlin ist mit dem Konzept für den britischen Pavillon betraut: Ein sich konisch und fächerhaft verbreiternder Gebäudekomplex wird an seiner Schauseite zur LED-Fassade, die statt nationaler Botschaften jene der Besucher übermitteln wird. Gesucht werden Aussagen über den Zustand der Erde – im Sinne einer »Message to Space«.

Kanye West & Jay-Z, 2011
Für die Konzerte zu ihrem gemeinsamen Album »Watch the Throne« bauten die beiden Hip-Hopper Kanye West und Jay-Z auf Devlin und ihr Team: Zwei im Zuschauerraum aufgebaute, vollständig mit Screens verkleidete Kuben wurden für die Musiker zu Bühnen, von denen aus sie ihre Lyrics in die Hallen rappten. Die großen quadratischen Bildschirme zeigten Filmsequenzen eines Hais in Nahaufnahme – vielleicht eine Hommage an den Künstler Damien Hirst, mit dem Devlin ein Jahr später für die Abschlusszeremonie der Olympiade in London zusammenarbeitete.

U2, Experience & Innocence Tour, 2015– 2018
Hier erzeugt Devlins mitten ins Publikum verlegte Bühne Spannung, weil sie die Musiker um Sänger Bono zunächst vor den Fans versteckt. Ein 29 Meter langer, gelber »Video Cage« türmt sich vor und hinter der Bühne auf und mutet zunächst an wie eine mit Graffiti besprühte Mauer. Devlins Konzept: »Die Zuschauer sollten einmal nicht mit ihren Handys die Band abfilmen, sondern sich ganz auf die Musik konzentrieren können.« Während der Songs gibt der vorgehängte Screen immer wieder kurz den Blick frei auf die einzelnen Musiker – ähnlich wie ein vereistes Fenster, das an manchen Stellen freigekratzt wird.