Noch längst nicht satt gesehen

Warum Möbelklassiker heute so erfolgreich sind, was genau Reeditionen ausmacht und welche Herausforderungen veränderte Nutzerbedingungen mit sich bringen: ein Überblick über die Klassiker-Industrie von Mathias Remmele, der sich als Forscher, Autor und Kurator seit über 20 Jahren mit der Geschichte des Möbeldesigns auseinandersetzt.

Hans Wegner: Peacock Chair (links), Børge Mogensen: J52G (rechts)

Hyggelig, handwerklich, nachhaltig: Nicht jeder dürfte wissen, dass Hans Wegners Peacock Chair von 1947 (links) und Børge Mogensens J52G von 1950 Neuinterpretationen des im 18. Jahrhunderts entstandenen Windsor Chairs sind.

Für erfahrene Möbelhändler liegt der Fall klar. Die wachsende Popularität der Klassiker und der Boom der Reeditionen reflektiere eine verbreitete gesellschaftliche Grundstimmung. Jahrzehntelang, so ist in der Branche zu hören, sei es immer wieder das gleiche Muster: In Zeiten der Unsicherheit wollten die Leute Klassiker haben – die oft beschworene Flucht in sichere Werte.

Was allerdings als Klassiker gilt und was nachgefragt wird, unterliegt einem markanten Wandel. Waren in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vor allem die Entwürfe aus der Bauhaus-Ära angesagt – Breuers Wassily Sessel, die Chaiselongue LC4 von Le Corbusier, Jeanneret und Perriand oder Eileen Grays Beistelltisch E 1027 –, stehen heute das amerikanische Mid-Century-Modern- Design und die europäische Nachkriegsmoderne, insbesondere ihre nordische Variante, im Mittelpunkt des Interesses. Die Möbel aus dieser Zeit haben mittlerweile das für »echte« Klassiker notwendige Alter erreicht, während die Stahlrohrmode quasi am eigenen Erfolg zugrunde ging – an der Kombination von Chrom und schwarzem Leder hat man sich fürs Erste satt gesehen. Der Geschmackswandel trifft sich mit einem weiteren Phänomen: dem aktuellen Hygge-Hype. Dem verbreiteten Bedürfnis nach einem gemütlichen Heim entspricht das Mid-Century- Design besser als die vergleichsweise kühl und streng wirkenden Stahlrohrmöbel. Die Formen sind weicher, gefälliger und eleganter, die Anmutung ist entspannter, die Haptik wärmer. Das hat unter anderem mit dem Rückgriff auf traditionelle, natürliche Materialien wie Holz, Leder und Textilien zu tun. Nebenbei werden natürliche Werkstoffe auch den aktuellen Ansprüchen an Nachhaltigkeit, Individualisierung und Handwerklichkeit gerecht.

Storytelling mittels Designgeschichte

Der Markt für Vintage-Möbel, in dem heute definiert wird, was morgen cool ist, wird seit langem durch unzählige Bücher, Ausstellungen und sogar TV-Serien über Themen der Designgeschichte befeuert. Noch nie war das Interesse an Klassikern und das Wissen darüber so groß wie heute. Zu dieser Entwicklung trägt die Möbelindustrie nach Kräften bei. Ihre Marketing-Abteilungen erkannten früh, dass das Storytelling, heute der Königsweg in der um Aufmerksamkeit buhlenden Unternehmenskommunikation, für ihre Zwecke wie geschaffen ist. Dass sich Möbelklassiker mit ihrer langen, oft bewegten Geschichte für das Geschichtenerzählen in idealtypischer Weise anbieten, führt Vitra der Branche beispielhaft vor.

Faktor eins: Zeitbeständigkeit

Der Markt für moderne Möbelklassiker entstand in den Jahren um 1960. Seinen Anfang markierten berühmte Reeditionen, die die Renaissance der Stahlrohrmöbel einleiteten. Die Schweizer Galeristin Heidi Weber lancierte 1959 Reproduktionen von vier Le-Corbusier-Entwürfen. Der italienische Möbelimpresario Dino Gavina folgte 1962 mit Neuauflagen von drei Breuer-Entwürfen, unter denen der seither als Wassily bezeichnete Clubsessel B3 herausragte. Weber und Gavina begriffen diese Entwürfe freilich nicht als historisch bedeutsame Klassiker, sondern als zeitgenössische Stücke, die, auch wenn sie viele Jahre nicht mehr produziert worden waren, ungebrochene Aktualität besaßen. Erst als Cassina ab 1965 beziehungsweise Knoll ab 1968 Produktion und Vertrieb dieser Möbel übernahmen, wurde ihr zeitbeständiger, »klassischer« Charakter mehr und mehr herausgestellt. Bemerkenswert, dass das Verständnis der Reeditions-Pioniere sich mit dem Klassiker-Begriff trifft, den Vitra heute seiner Kollektion zu Grunde legt: den des »zeitgenössischen Möbels aus einer anderen Zeit«. Ein Klassiker markiert nicht nur eine designhistorische Errungenschaft – er ist darüber hinaus bis heute nicht durch einen nachfolgenden Entwurf abgelöst oder gar verbessert worden und daher noch immer aktuell.

Faktor zwei: Historische Bedeutung

Ein ganz anders gelagertes Klassiker-Verständnis zeigt sich bei Cassina. Das italienische Unternehmen, das mit seiner seit den späten 1960er Jahren mehrfach erweiterten Le- Corbusier-Kollektion Maßstäbe setzte, entwickelte in den 1970er und 80er Jahren ein umfangreiches, breit kommuniziertes Klassiker-Programm, das mit seinen Reeditionen immer tiefer in die Designgeschichte eintauchte. Nicht fortdauernde Aktualität, sondern historische Bedeutung und formalästhetische Qualität waren hier die zentralen Kriterien beim Ausbau der Kollektion. Auf ikonische Entwürfe von Gerrit T. Rietveld folgten bald Arbeiten von Charles Rennie Mackintosh, Frank L. Wright und Gunnar Asplund. Erstmals sind im Zuge dieses Reeditions-Programmes auch Entwürfe in die Serienproduktion genommen worden, die einst als Einzelstücke für Kundenbauprojekte entstanden und zuvor allenfalls in projektbezogenen Kleinserien hergestellt worden waren. Bei der Adaption der historischen Entwürfe an moderne Produktionstechniken und heutige Marktbedürfnisse behielt sich Cassina mit – aus heutiger Sicht problematischer – Selbstverständlichkeit das Recht vor, bezüglich Material, Konstruktion und Dimension Veränderungen vorzunehmen.

Farbe ist ein probates Mittel, um bekannte Entwürfe aufzufrischen. Louis Poulsen beweist das mit der PH5 von Poul Henningsen (1958) und Verner Pantons Panthella (1971). Die neuen Farbpaletten der Reeditionen – pastellig oder knallbunt – erinnern an die jeweilige Entstehungszeit.

Geschichte als Geschäftsmodell

Der Markt für Reeditionen blieb trotz einzelner Erfolge bis zum Ende des 20. Jahrhunderts begrenzt. Das änderte sich in den 1990er Jahren: Die damals junge Generation, heute auch in Schlüsselpositionen in der Designwirtschaft tätig, schätzte das Mid-Century-Design, mit dem sie selbst aufgewachsen war. Die Reeditionen, mit denen das Vitra Design Museum um die Jahrtausendwende an die Öffentlichkeit trat, verliehen dieser Entwicklung neue Impulse.
Heute springen immer mehr Anbieter auf den dynamischen Zug des Reeditions-Marktes auf. Während die einen ihre Longseller aktualisieren und bisweilen längst vergessene Entwürfe aus der eigenen Firmengeschichte wieder ausgraben – zu beobachten etwa bei Knoll, Fritz Hansen, Cassina, Vitra –, stöbern andere in Ermangelung einer verwertbaren eigenen Historie in Archiven und Designernachlässen nach viel versprechenden Modellen. Nicht immer gelingt das so überzeugend wie bei der Ferdinand- Kramer-Kollektion, die E15 im Jahr 2012 lancierte. Dann gibt es Unternehmen, deren Geschäftsmodell einzig und allein auf dem Prinzip der Reedition beruht – etwa Verpan, eine dänische Firma, die sich ganz dem Werk von Verner Panton verschrieben hat. Ein neues, eher zweifelhaftes Phänomen im Klassiker-Markt sind schließlich Unternehmen, die betagten Designern oder deren Erben die Urheberrechte von Entwürfen abkaufen, um diese dann auf eigene Faust zu verwerten.

Lohnenswerte Wiederentdeckung: Die auf 1951 datierten Couchtische Charlotte und Calvert aus der Ferdinand-Kramer-Kollektion von E15 wirken frisch und zeitbeständig.

Zwischen Respekt und Markttauglichkeit

Alle Hersteller müssen sich mit der Frage auseinandersetzen: Wie verhält sich die Reedition zu ihrem historischen Vorbild? Ist das Vintage-Stück das Maß der Dinge, dem die Reedition bis ins Detail zu entsprechen hat? Darf und soll man Anpassungen vornehmen – an zeitgemäße Produktionsmethoden, moderne Werkstoffe, die ästhetischen und funktionalen Bedürfnisse der Gegenwart? Wie weit darf sich ein Entwurf vom Ursprungsmodell entfernen, ohne seine Authentizität zu verlieren?
Artek zum Beispiel beschäftigt sich mit der harmlos wirkenden Frage, ob man für die Aalto-Möbel moderne, UV-beständige Lacke benutzen soll, die den natürlichen Nachdunklungsprozess des Holzes stark verlangsamen – was viele Kunden schätzen, weil die Möbel hell bleiben und länger »neu« wirken. Oder ob man doch besser auf die alten, zu Aaltos Lebzeiten gebräuchlichen Lacke zurückgreift, die eben nicht verhindern, dass die Möbel eine Patina entwickeln, wie sie von anderen Kunden favorisiert wird. Ist die Idee, die Möbel wahlweise in beiden Versionen anzubieten, eine gute Lösung des Problems – oder zeugt das von einem Mangel an konzeptioneller Klarheit?
Bei Louis Poulsen galt es in den letzten Jahren zu entscheiden, ob eines der seit Jahren erfolgreichsten Modelle des Hauses, die PH5, durch farbige, lackierte Schirme optisch aufgefrischt werden darf oder ob das dem Geist und den Intentionen des Designübervaters Poul Hennigsen widerspräche. Bei einem weiteren Longseller wie Pantons Leuchte Panthella ging man noch einen Schritt weiter. Man entschied sich nicht nur für neue Farbversionen, sondern auch für eine deutlich verkleinerte Variante dieses noch relativ jungen Klassikers. Es scheint, als akzeptiere der Markt in einer Zeit der Klassiker-Begeisterung auch recht weit reichende Interpretationen historischer Entwürfe.
Um Größenveränderungen ging es vor ein paar Jahren auch bei Vitra. Der Eames Lounge Chair, ein Sessel, der in Sachen Komfort und Repräsentation seit Jahrzehnten Maßstäbe setzt, ist heute vielen potenziellen Kunden schlicht zu klein. In den westlichen Ländern ist die durchschnittliche Körpergröße seit Mitte des 20. Jahrhunderts, als der längst ikonische Entwurf entstand, signifikant gestiegen. Wie sollte man auf diese Entwicklung reagieren? Was hätten Charles und Ray Eames gemacht? Es erscheint mehr als plausibel, dass sie auf diesen Wandel der Bedürfnisse reagiert hätten. Aber wie? Mit einer maßstäblichen Vergrößerung des Sessels, wie ihn Vitra jetzt anbietet? Das darf man angesichts der XL-Version des Modells, bei dem die Proportionen nicht mehr so stimmig erscheinen wie bei der Ursprungsversion, zumindest in leise Zweifel ziehen. Was aber hätte man sonst machen können, ohne noch stärker in die Substanz des Entwurfes einzugreifen?
Beispiele wie diese beleuchten schlaglichtartig eine zwischen Designethik und Ökonomie oszillierende Problematik, für die es kein Patentrezept gibt. Am Ende liegt es im Ermessen des Herstellers und der Rechteinhaber, ob und wie stark ein Entwurf verändert wird. Ein seriöser Produzent macht sich die Sache nicht leicht. Er kommuniziert und begründet Veränderungen auch in Richtung der Kunden. Was akzeptabel erscheint und was nicht, entscheidet der Markt.