Knolling schlägt Bildsprache

Dank digitaler Techniken und Plattformen zirkulieren Bilder von Design heute überall. Inszeniert wird nach wie vor, doch gerät Sachfotografie dabei zum Mitmachspaß.
Text: Thomas Edelmann

Farbenpracht: Stills & Strokes bringen Beachballschläger und Badetuch von Hermès Bain für Harper’s Bazaar gleichsam zum Glühen. Hin gucker sind die billig anmutenden Konser vendosen neben den Luxusobjekten.
© Fotografie Stills & Strokes (Stefan Vorbeck und Melanie Homann), Produktion Emrah Seçkin für Harper’s Bazaar Germany

Sammeln, vergleichen, versachlichen
Neu ist all dies nicht, aber was ist schon neu? So trug Achille Castiglioni in den Seventies Werkzeuge und anonymes Design zusammen und ließ die Sammlung von Luciano Soave fotografieren. Anders als bei den Sortier-Posts von heute findet sich auf jedem Bild ein Metermaß, um Dimension und Relation zu verdeutlichen. Die Obsession galt dem Sammeln und Vergleichen, der Suche nach Inspiration. Das gilt auch für das Werk von Hans Hansen, der seit den 1960er Jahren als Fotograf aktiv ist. Bulthaup, Erco, Vitra und Autofirmen wie Volkswagen und Mercedes gehörten zu seinen Kunden. Die Sammlungen anonymer Gestaltung von Franco Clivio (designreport 3/2018) hat er mehrfach fotografiert. Anders als den Bloggern von heute geht es Hansen und Clivio weniger um Sortierspielchen als darum, Oberflächen, Strukturen und Texturen möglichst genau erkennen und vergleichen zu können, um Differenzen im Ähnlichen herauszuarbeiten. Auf Hansens gestochen scharfen Bildern sind sie bis ins Detail ablesbar.

Die Möbelformen abgerundet, die Farben pastellig bis leuchtend, die Atmosphäre vertraut; alles wirkt fröhlich, kompakt und tut niemandem weh: Wer die vom Pariser Fotografen Florent Tanet für die französische Marke Petit Friture inszenierten Einrichtungsszenarien anschaut, kann sich spontan in eine spezielle Wohlfühlästhetik hineinversetzen. Ist es eine Generationsfrage, ob man sich von dieser Art Bild und dieser Art Möbel angezogen fühlt – oder deren Bonbon-Gemütlichkeit im Gegenteil eher als aufgesetzt empfindet?

Aufräumen, ausbreiten, teilen
Das Vornehm-Aufgeräumte von Tanets Bildern passt perfekt in die Welt von Austin Radcliffe aus Los Angeles. Der Designer, Fotograf, Kurator und Art Director hat mit »Things Organized Neatly« zunächst einen Blog gestartet und dann ein gleichnamiges Buch herausgebracht, in dem Bilder aller möglichen Gegenstände gezeigt werden – jeweils ausgebreitet und in eine dekorative Ordnung gebracht. Radcliffe war Praktikant beim Künstler Tom Sachs, der mit Andrew Kromelow bei Frank Gehry gearbeitet hat. Im Studio war Kromelow als Hausmeister tätig. Sachs durfte als Assistent an der Konstruktion der Prototypen für den Hat Trick-Stuhl für Knoll mitwirken. Kromelow sammelte herumliegende Dinge und Werkzeug ein, richtete sie möglichst rechtwinklig aus und fotografierte das Resultat in der Draufsicht, was er – wohl mit Bezug auf Knoll International – »Knolling« nannte. Später enterte Sachs den Begriff. Inzwischen hat sich eine Szene aus Sachfotografen wie Tanet oder Illustratoren und Stylisten wie der Deutschen Sarah Illenberger gebildet. Selbstverständlich zieht das eine Gemeinde in den Bann, die beliebige Fundstücke neu ordnet, präsentiert und auf diversen Kanälen postet. Wenn nicht von »Knolling« die Rede ist, dann von »Flat Lay«, dem Ausbreiten in der Fläche. Entsprechend zerlegte der kanadische Werbefotograf Todd McLellan technische Gegenstände und publizierte sie – flach ausgelegt – in seinem Buch »Things come apart«. Die texanische Fotografin Emily Blincoe breitet »Arrangements« aus, vorwiegend aus Pflanzenteilen und Naturstoffen.

Neugier statt Ordnungssucht: Hans Hansen dokumentierte 1988 akribisch für Volkswagen, was alles im Golf II steckt.

Experiment, Eleganz, Brauchbarkeit
In Italien bedienen sich Unternehmer, Medien und Designer oft derselben Fotografen, um italienisches Design als eine Gesamtheit international zu propagieren. Zu den Pionieren der Designfotografie gehören ab den 1950er Jahren Mauro Masera und Giorgio Casali, der ein Paar in Rückenansicht unter der Arco-Leuchte der Gebrüder Castiglioni aufnimmt, als harmonisches, doch bereits gefährdetes Bild des familiären Zusammenlebens. Masera stellt mit einer Aufnahme von 1960 die Verbindung zum kunsthistorischen Erbe her: der Sessel Sanluca im Bogengang von San Luca in Bologna. Bekannter noch als Masera und Casali wird später das Fotografenpaar Aldo Ballo und Marirosa Ballo- Toscani. Beiden gelingt es, die italienischen Designer als individualistisch vielstimmigen Chor erscheinen zu lassen, die Bausteine eines zeitgenössischen Lebensstils liefern. Ihre Entwürfe strahlen Perfektion aus, künden zugleich von Experiment, Eleganz und Brauchbarkeit.

Zentralperspektive wie im Renaissance-Gemälde: Der Fotograf Mauro Masera verbindet Möbel und Macher im Säulengang von San Luca in Bologna.

Inszenieren, platzieren, beeindrucken
In Deutschland bildeten sich Partnerschaften zwischen Designern und Fotografen, etwa zwischen Rolf Heide und dem gebürtigen Schweizer Rudi Schmutz jr., Heide entwarf Räume, Schmutz setzte die Inszenierung fotografisch um. Bekanntestes Bildbeispiel: das Starck-Bad, das beide für Axor und Duravit schufen. Frogdesign und Hartmut Esslinger nutzten Fotografie strategisch. Mitte der 1970er Jahre hatte Dietmar Henneka die Wega-Geräte von Frogdesign ins Bild gesetzt. Auf der letzten Seite der Zeitschrift Form schaltete Esslinger regelmäßig seine Anzeigen, die auf Bildideen und Fotografien von Henneka basierten. Fotografie war hier nicht Selbstdarstellung der deutschen Designer nach außen, sondern diente dazu, die eigene Bedeutung im Wettbewerb mit Kollegen zu betonen und potenzielle Auftraggeber zu beeindrucken.
Die besten Sach- und Werbefotografen wie Hansen und Henneka arbeiteten für die Autoindustrie. Von den einstigen Studioaufnahmen hat sich diese mit computergenerierten Bildern (CGI) inzwischen verabschiedet. Autowerbung besteht heute aus Versatzstücken, Landschaften, Hintergründen, perfekt eingefügten Objekten. Da könne man auch gleich Airbrush nehmen, hat Henneka dies einmal resignierend kommentiert.

Puristisch, personalisiert, collagenartig
Längst hat sich eine neue Generation einfallsreicher Puristen etabliert, zu denen etwa Gerhardt Kellermann gehört, der als Designer Möbel entwirft, als Werbe- und Sachfotograf aber auch die Arbeit von Kollegen darzustellen weiß. Niemand aber wagt mehr eine

Personality-Kampagne, wie sie Vitra mit Christian Coigny zwischen 1987 und 1997 lancierte. Dessen Porträts von Künstlern, Musikern, Schriftstellern, Architekten und Designern machten Vitra international weit über die Insider hinaus zu einem Begriff. In einer kurzen Phase schrieb das Unternehmen noch einmal Fotogeschichte: In Katalogen von Vitra Home wurden damals Wohnungen gezeigt, deren Inszenierung nicht dekoriert und minimalistisch erschien, sondern als Collage, in der selbst Konkurrenzprodukte und Alltagskrempel auftauchten und Spielzeug herumliegen durfte. Diese Art der Inszenierung, ein vermeintlich improvisierter No-Style-Chic, prägt bis heute das Erscheinungsbild von Magazinen wie »Apartamento«.

Freundlich, jugendlich, spektakulär
Gelegentlich muss es spektakulär zugehen: Als Flötotto seinen von Konstantin Grcic entworfenen Stuhl Pro auf den Markt brachte, fotografierte Oliviero Toscani das Möbel im Kontext mit jugendlichen Nutzern, freundlichen, gut gekleideten Menschen, für die der Stuhl konzipiert ist. Auch hier entstand eine Wohlfühlatmosphäre, allerdings vermittelt vom einstigen Enfant terrible der Werbefotografen, der in den 1980er und 1990er Jahren Welten zusammenbrachte, die bis dahin als unvereinbar galten: Mit schockierenden Reportagefotos machte er Werbung für den Modekonzern Benetton und thematisierte dabei mit seinen Bildern Todesstrafe, Aids, Magersucht und Bigotterie, jeweils versehen mit dem Benetton-Logo als Absender. Toscanis Anzeigen und Plakate wurden kontrovers diskutiert, als kalkulierte Tabuverletzung kritisiert und bald im musealen Kontext gezeigt.

Freundliche Botschaft des einstigen Enfant terrible: Fotograf Oliviero Toscani für den Stuhl Pro von Flötotto.