Kapitalismusgestalter

Gegen den Kapitalismus zu sein, gehört für viele Kreative zum guten Ton. Doch statt sich in »Protestfolklore« zu ergehen, wäre es klüger, das System zu gestalten, findet unser Gastautor Wolf Lotter.

In rauen Zeiten wie diesen reden viele wieder über den Wert von Aufklärung und Gerechtigkeit. Im Englischen heißt Aufklärung Enlightenment, Erleuchtung. Wenn das Licht angeht, sieht man, wie es wirklich ist. So, wie Immanuel Kant es beschrieben hat: »Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung des anderen zu bedienen.« In der Kurzfassung: Wer nicht selber denkt und handelt, die Welt also gestaltet, ist ein Würstchen oder ein Depp. Das sind die Optionen.

Gestalter schaffen Neues aus ihrem Geist. Sie verändern die Welt. Sie formen, was sie vorfinden, zu etwas Einzigartigem. Im Grunde ist Gestaltung Aufklärung pur: Machen, nicht reden. Und zwar selber machen. Vielleicht zitieren Designer deshalb so gern Kant.

Aber wie kommt es gleichzeitig zu der in der Kreativbranche ebenfalls verbreiteten Vorstellung, der Kapitalismus sei an allem schuld? Sicher hängt das Misstrauen gegenüber Wirtschaftsthemen mit der Tatsache zusammen, dass Kreative noch immer zu den am schlechtesten bezahlten Wissensarbeitern gehören. Ausgerechnet, welch feine Ironie der Geschichte, sind sie, die die Grundlage der Wissensgesellschaft bilden, diejenigen, die am wenigsten davon verstehen, wie ihr eigenes Geschäft funktioniert. Gestalter und Künstler zitieren auch immer wieder Karl Marx und Che Guevara, den merkwürdigen Helden der kubanischen Revolution, der Liebesgedichte an Josef Stalin schrieb – den Massenmörder. Dieses Sündenbockdenken, Pauschalieren und Mitlaufen passt aber nicht zu Kants Philosophie.

Das »System«, wie der Kapitalismus abwertend genannt wird, hat in den letzten 200 Jahren die Lebensbasis der meisten Menschen deutlich verbessert. 50-mal reicher sind die Westeuropäer geworden – und ihre Lebenserwartung ist um das Dreifache gestiegen. Gleiches wiederholt sich heute in Schwellen- und Entwicklungsländern. Wer es genauer wissen will, kann auf der Website ourworldindata.org von Max Roser, einem Sozialökonomen, die Entwicklung der Welt ansehen. Sie ist gut. Vorurteile und ein diffuses Gefühl helfen nicht.

Wer »System« sagt, meint fast immer den Industriekapitalismus, der seit 250 Jahren mit Automation, Arbeitsteiligkeit und einer ungeheuren Produktvielfalt über uns gekommen ist.

Dieser Kapitalismus, das hat Josef Schumpeter – der Ökonom der Innovation und Kreativität – uns gelehrt, ist nicht für Fürsten und Könige gemacht, nicht für Eliten. Durch die Industrialisierung konnten Massenprodukte für viele Menschen erzeugt werden, die sich zuvor kaum etwas leisten konnten. Design, Produktgestaltung, Kommunikation sind Kinder des Systems. Nicht umsonst beginnt die Designgeschichte in den meisten Lehrbüchern genau in dieser Zeit. Und die Nähe zur Wirtschaft ist integraler Bestandteil der Designdisziplin. Viele große Gestalter haben ihre Entwürfe erst durch das Wissen, die Werkzeuge und die finanzielle Unterstützung von Industrieunternehmen realisieren können. Die Annahme, dass der Kapitalismus der Kreativität und dem Volk schadet, ist so logisch wie der Glaube an Chemtrails.

Das »System« lässt sich selbst prima gestalten. Es lebt von Vielfalt und Differenzierung. Es ist selbst vielfältig – es gibt weltweit rund 750 verschiedene »Kapitalismen «, Varianten der Marktwirtschaft. Aber sind sie nicht alle abhängig von Wachstum? Ist das nicht ein Unglück?

Kommt drauf an. Es gibt qualitatives und quantitatives Wachstum. Wenn jemand hungrig ist und nichts hat, ist Menge wichtig. Qualität, die Lust nach Besserem, kommt dann von selbst. Es ist die menschliche Sehnsucht nach Persönlichkeit und Differenz. Alle schöpferischen, kreativen Menschen leben davon, schon immer. Das klappt aber nur, wenn die materielle Basis stimmt. Niemand interessiert sich für Vielfalt, wenn er täglich mit der Existenz ringt.

Das altitalienische »creare« – der Wortstamm von »kreativ« – bedeutet »wachsen lassen«. Mal in der Größe, mal in der Güte. Wachstum bedeutet Entwicklung. Das ist kein Systemfehler, sondern Realität. UX-Design zum Beispiel, eines der mit Abstand wichtigsten Segmente im aktuellen Designgeschehen, fokussiert sich auf genau das: die individuellen Bedürfnisse von Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen. Die Welt gestalten heißt also Varianten gestalten.

Wir konzentrieren uns immer noch auf das alte, vorkapitalistische, statische Kapitalismusmodell. Das hat sich im Westen einst in die Köpfe gebrannt. Es ist das Haushaltsmodell, bei dem ein strenger Vater – Fürst, Tyrann, Vater, Staat – die Ressourcen so verteilt, wie er es für richtig hält. In diesem Oikos, wie die Griechen es nannten, gibt es kein Wachstum. Es gibt einen Kuchen, den man verteilen kann. Der Kapitalismus aber kann backen. Er soll an allem schuld sein? Wer das sagt, trauert um eine ungerechte, knappe, enge, böse Welt.

Unternehmer sind Gestalter – und das gilt auch umgekehrt. Doch wer Teil einer Zivilgesellschaft sein will, die sich nicht von Parteien, Verbänden, Mächtigen alles diktieren lässt, muss auch lernen, mit der Ökonomie umzugehen, zum Zivilkapitalisten zu werden. Das tun alle, die sich ihres eigenen Verstandes bedienen, neu überlegen und Widerstand leisten gegen das allzu Klischeehafte, die selber gestalten, statt sich formen zu lassen – vom Staat und der Meinung der meisten. Natürlich ist das System nicht perfekt. Es braucht Kreative – nicht nur Betriebswirtschafts-Apparatschiks –, die Institutionen, Strukturen und Kulturen für eine langfristig lebenswerte Welt mitgestalten. Unsere wichtigsten Ressourcen sind Kreativität, Originalität, Persönlichkeit. Es braucht Leute, die nicht rechtwinkelig denken. Das Motto dazu stammt von Francis Picabia: »Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.« Mit Quadratschädeln geht das schlecht. Also, bringt euch in Form!


Wolf Lotter ist Wirtschaftsjournalist, Leitartikler beim Magazin brand eins und Buchautor. Zuletzt erschien »Zivilkapitalismus. Wir können auch anders«, Pantheon, München, 2013.


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