Jung, weiblich, niederländisch

Sie verbinden Kleidung mit Technologie, machen sich Gedanken über die Gestaltung des öffentlichen Raums oder analysieren die Kundenwünsche eines Bettenherstellers. Junge Designerinnen aus den Niederlanden loten aus, was Design heute leisten kann.

Text: Jasmin Jouhar

Funktional und sozial

Milou Bergs hat keine Scheu, große Themen anzupacken

Ich lasse mich gern von Technik inspirieren, davon, wie Dinge konstruiert sind und sich bewegen; meine Mentalität ist sehr technisch und funktional geprägt«, bekennt Milou Bergs. Was auch die Arbeit zeigt, mit der Bergs im vergangenen Jahr ihren Bachelor an der Design Academy Eindhoven abgeschlossen hat: Align, ein versenkbarer Fahrradständer. »Der öffentliche Raum«, meint sie, »wird immer mehr zugestellt, und Fahrradständer sind ein besonders unschöner Anblick.« Ihr Entwurf ähnelt einer Wippe: Während das Vorderrad im Boden verschwindet, klappt ein Bügel hoch, der das Hinterrad fixiert. Im Laufe ihres Studiums hat Milou Bergs sich schon mehrfach mit dem Thema Fahrrad beschäftigt und verschiedene Luftpumpen entworfen. Gleichwohl möchte sie sich inhaltlich nicht festlegen: »Als Designerin bewege ich mich auf ganz unterschiedlichen Themenfeldern, vom Interior über Medizintechnik bis hin zur Gestaltung im öffentlichen Raum.« Sie glaubt, Technologie und soziale Fragen würden im Design zunehmend wichtiger, hätten die jungen Gestalter doch keine Scheu davor, sich mit der Verdichtung der Städte, mit smarten Materialien oder anderen komplexen Themen zu beschäftigen.

www.miloubergs.com

Der öffentliche Raum wird immer mehr zugestellt, beobachtet Milou Bergs. Ihr Fahrradständer verschwindet im Boden, wenn er nicht gebraucht wird.


Raum für Überraschungen

Die Gestalterinnen von Rens wagen sich gern auf ungesichertes Terrain

Wir gehen an die Arbeit, ohne zu wissen, wohin es gehen wird«, sagt Renee Mennen vom Duo Rens aus Eindhoven. »Das lässt Raum für Überraschungen und unerwartete Geschenke.« Weniger überrascht, dass bei diesem Selbstverständnis das Forschen im Mittelpunkt der Projekte steht. Beispielsweise bei der Zusammenarbeit mit dem niederländischen Matratzen- und Bettenhersteller Auping, für den Mennen und ihre Partnerin Stefanie van Keijsteren Kundenbestellungen eines Jahres ausgewertet haben. Aus einer Menge dröger Daten filterten sie die bevorzugten Farben heraus und verwandelten die Ergebnisse in eine räumliche Inszenierung mit dem Titel »Nighty-Night Colours«, die einiges verriet – etwa über regionale Vorlieben. Farbe spielt eigentlich in allen ihren Projekten eine wichtige Rolle. Die beiden Produktdesign-Absolventinnen der Kunst- und Designhochschule St. Joost haben schon für Desso Teppiche neu eingefärbt und für den Keramikhersteller Cor Unum mit Pigmenten und Glasuren experimentiert. Dass sie sich dabei jedes Mal auf ungesichertes Terrain wagen, ist Teil ihrer Haltung: »Wir kennen uns mit den verschiedenen Techniken nicht immer gut aus«, sagt Renee Mennen, »doch das eröffnet neue Möglichkeiten und hilft uns, die Grenzen zu verschieben.«

madebyrens.com

Sparsamer werden: Die Designerinnen von Rens haben für den Teppichhersteller Desso Teile aus alten Kollektionen neu eingefärbt.

© Desso Re-Vive

Mode mit Mehrwert

Pauline van Dongens Wearables setzen auf innovative Technik

Billige Effekte sind Pauline van Dongen ein Graus. Klamotten etwa, die blinken wie die Lightshow in der Disco. Technische Spielereien um ihrer selbst willen sind nicht ihr Ding. Die niederländische Modedesignerin mit Doktortitel will Technologie stattdessen zu einem integralen Element von Bekleidung machen; sie soll dem Träger dienen und im besten Fall unsichtbar bleiben. Mit ihren Konzepten für Wearables hat es die 31-Jährige aus Arnheim im vergangenen Jahr sogar auf die Liste der »Innovators under 35 Europe« des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) geschafft. Pauline van Dongen hat bereits eine Jeansjacke entwickelt, die ihren Träger streichelt, ein Top, das die Körperhaltung korrigiert, und erst jüngst einen Rucksack mit eingewebten Mini-Solarzellen, der unterwegs die Akkus von mobilen Endgeräten aufladen kann. Van Dongen versucht bei ihren Projekten stets, mit neuen Ästhetiken und Materialien zu experimentieren. Die Absolventin des Fashion Institute Arnhem und der Technischen Universität Eindhoven ist überzeugt, dass Technologie der Mode neue Werte und neue Bedeutung geben kann. Nur sehen muss man diesen Mehrwert eben nicht unbedingt.

paulinevandongen.nl

Keine billigen Effekte: Pauline van Dongen entwirft diskrete Wearables.
© van Dongen: Radius, Issho, Fysiopal