Hollands Goldene Zeitalter

Die Niederlande stehen für progressive Architektur und Gestaltung. Dass unsere Nachbarn im Westen auch in anderen Bereichen und bereits vor Jahrhunderten zahlreiche Innovationen hervorgebracht haben, demonstriert unser kleiner Einblick in historische Errungenschaften aus Kunst, Technik und Wissenschaft.

Text: Mathias Remmele
Bildredaktion: Ann Katrin Siedenburg

Mikrokosmos

Dass die Holländer als alte Seefahrer bei der Entdeckung der großen, weiten Welt eine prominente Rolle spielten, ist hinlänglich bekannt. Dass sie auch bei der Erforschung des Mikrokosmos Pionierarbeit leisteten, darf eher als Spezialwissen gelten. Es soll der Brillenschleifer und Optiker Zacharias Janssen (1588 bis 1631) aus Middelburg gewesen sein, der, womöglich in Zusammenarbeit mit seinem Vater Hans, in den Jahren um 1600 sowohl das erste Mikroskop als auch vermutlich das erste Teleskop der Welt entwickelte. Das Mikroskop war denkbar einfach und von bescheidener Leistung: Gefertigt aus zwei gegeneinander verschiebbaren Metallrohren, die jeweils mit einer Linse ausgestattet waren, ermöglichte es eine drei- bis neunfache Vergrößerung. Wie bei vielen frühen technischen Errungenschaften ist das, was zählt, die Idee.

© National Maritime Museum, Amsterdam (Het Scheepvaartmuseum)

Fotoblick

Hat der Maler Vermeer van Delft (1632 bis 1675) – was in seiner Zeit tatsächlich innovativ gewesen wäre – bei der Produktion seiner Bilder eine Camera obscura verwendet? Diese These, die unter anderem der Künstler David Hockney vertritt, ist in der Kunstwissenschaft umstritten. Der fotografische Charakter von Vermeers Werken hingegen erscheint für ein Publikum, das mit der Fotografie als wichtigstem Bildmedium groß geworden ist, augenfällig. Das erklärt die heutige Popularität eines Künstlers aus Hollands Goldenem Zeitalter, der in vergangenen Jahrhunderten schon fast vergessen war. Darüber hinaus haben Vermeer und sein Kollege Rembrandt die Darstellungstechnik des Chiaroscuro, den Einsatz harter Licht-Schatten- Kontraste für dramatische Bildeffekte, perfektioniert. Offensichtlich steht die Visuelle Kommunikation der Niederländer, die heute oft durch Präzision und Dramatik begeistert, in einer langen Traditionslinie.

© Collection ReclameArsenaal, www.ReclameArsenaal.nl

© Granger Historical Picture Archive/Alamy Stock Foto.com

Abgetaucht

Die Idee zu einem U-Boot geistert bereits seit der Antike durch die Wissenschafts- und Technikgeschichte. Legendär ist etwa Leonardo da Vincis Zeichnung eines Ein-Mann-Tauchbootes von 1512. Die erste Realisierung des alten Menschheitstraums gelang jedoch dem Holländer Cornelis Jacobszoon Drebbel, der um 1620 in London ein »fahrendes Tauchboot« baute und – sogar vor königlichem Publikum – in der Themse schwimmen ließ. Es soll sich dabei um ein mit Leder verkleidetes Holzruderboot gehandelt haben, das einen »Tiefgang« von 3,6 Metern erreichte und über einen Schnorchel mit Frischluft versorgt wurde. Der Erfinder und Wissenschaftler Drebbel hat auch ein Gerät zur Erzeugung von Regen, Blitz und Donner entwickelt, worüber jedoch nichts Genaues bekannt ist. Jedenfalls zeigt sich hier einmal mehr die Tatkraft der Niederländer, wenn es darum geht, die Natur nutzbar zu machen oder gar zu bezwingen.

© Städel Museum – ARTOTHEK

Dutching

Eine der sympathischsten Innovationen, die je aus Holland kamen, ist eine Erfindung, die seither Millionen Menschen beglückte: das Kakaopulver. Der niederländische Chemiker und Schokoladenmacher Coenraad Johannes van Houten entwickelte dafür um 1828 ein Verfahren, das im Prinzip bis heute Anwendung findet und in der Fachwelt als »Dutch Process« oder »Dutching« bekannt ist. Dabei wird eine Kakaomasse, deren Fettgehalt durch hydraulische Pressung reduziert wurde, mit diversen alkalischen Lösungen wie Natriumcarbonat oder Kaliumhydroxid behandelt. Daraus resultiert eine Verbesserung des Geschmacks, die typisch dunkelbraune Farbe des Pulvers und vor allem seine gute Wasserlöslichkeit. Ein unkonventioneller Umgang mit der Nahrungsmittelproduktion gab es bei unseren Nachbarn im Westen also nicht erst seit der Erfindung der Wassertomate aus dem Gewächshaus.

Techno-Type

Sie darf einerseits als experimentelles Kunstdesign, andererseits aber als echte Pionierleistung gelten: Die Webschrift New Alphabet, 1967 von dem niederländischen Grafikdesigner Wim Crouwel lanciert, war die erste Schrifttype, die speziell für die damals üblichen Computerbildschirme mit Kathodenstrahlröhren und den Fotosatz konzipiert wurde und auf deren limitierte bildtechnische Möglichkeiten reagierte. Daher rührt die strikte Beschränkung auf Horizontale und Vertikale, die bei einigen Buchstaben die Lesbarkeit stark behindert. Die Schrift fand zwar nur selten praktische Verwendung – Crouwel selbst bezeichnete sie als Experiment –, inspirierte die Typografieszene bereits, als sich noch nicht so deutlich abzeichnete, wie sehr die Schrift auf dem Bildschirm mit der auf Papier konkurrieren würde.

Kompakt und robust

Ihre Karriere war verhältnismäßig kurz, aber intensiv. Sie begann 1963, hatte ihren Höhepunkt in den 1970er und 1980er Jahren, litt in den 1990er Jahren unter der CD und endete abrupt nach der Jahrtausendwende mit der rasanten Verbreitung des iPods und vergleichbarer digitaler Speicher- und Abspielgeräte: die Musikkassette. Entwickelt wurde sie in den frühen 1960er Jahren beim niederländischen Elektronikkonzern Philips von einem Team um den Ingenieur Lou Ottens, der 20 Jahre später auch an der Entwicklung der CD beteiligt war. Parallel zur Kassette brachte Philips auch einen anfänglich sehr erfolgreichen Kassettenrekorder auf den Markt. In den 1980er Jahren aber lief ihm Sony mit seinen Walkmans den Rang ab. Stetiger Innovationsund Disruptionsdruck ist also keine Erfindung des 21. Jahrhunderts.

© Martina Berg / Fotolia

Runter damit!

Es gibt diese Art von Objekten, die so zwingend und einfach erscheinen, dass man annehmen möchte, es müsse sie schon immer gegeben haben. Dazu zählt etwa die Schuttrutsche, die erst 1984 von zwei Niederländern namens Vlutters erfunden worden sein soll. Diese flexiblen, schlauchartigen Gebilde aus bodenlosen, ineinander gesteckten Plastiktonnenkommen seither vor allem bei der Entsorgung von Bauschutt zum Einsatz, wie er etwa bei Altbausanierungen anfällt. Die Rutsche sorgt dabei unter bisweilen heftigen Zuckungen und mit mordsmäßigem Getöse für einen zeit- und kraftsparenden Transport des Abfalls in bereitstehende Container unter weitgehender Vermeidung lästiger Staubemissionen.

Reise-Riese

Wer heute im Netz nach einer Unterkunft irgendwo auf der Welt sucht, kommt um dieses Portal praktisch nicht mehr herum: Booking.com. Das Unternehmen, 1996 als kleines Start-up in Enschede gegründet, beschäftigt heute 15.000 Mitarbeiter in 198 Büros in 70 Ländern. Es gehört zu den Global Playern der Branche: Mehr als 1,5 Millionen Übernachtungen werden täglich über die Plattform gebucht. Das Unternehmen, das seinen Hauptsitz heute in Amsterdam hat, gehört seit 2005 zum US-Internet-Konzern Booking Holdings (bis Anfang 2018: Priceline Group). Wettbewerbsbehörden in zahlreichen EU-Ländern werfen mittlerweile ein kritisches Auge auf den Reise-Riesen, der nach Ansicht von Experten eine marktbeherrschende Stellung erreicht hat.