Hand mit Kopf

Haben Gestalter eine Theorie, die sie in der Praxis weiterbringt? Wo finden kritische Auseinandersetzungen mit Gestaltung heute statt? Wir haben sechs Designer nach ihren Positionen zur Designtheorie befragt.

Interviews: Klaus Meyer

»Das Spannende entsteht an den Grenzen der Disziplinen.«
Barbara Schmidt – Designerin, Berlin

Gibt es eine theoretische Position, die Sie in Ihrer praktischen Arbeit beeinflusst?
Barbara Schmidt: Sowohl in der eigenen gestalterischen Arbeit als auch an der Hochschule kreist mein Denken ständig um die Frage, wie wir Menschen über von uns gestaltete Artefakte in Beziehung zur Welt treten und welche Rolle unsere Sinne dabei spielen. Welche Art von Erkenntnis liegt in diesen Dingen, Materialien, Prozessen? Wie nehmen wir sie wahr? Eine Reihe von Autoren, die sich damit auseinandergesetzt haben, finde ich interessant: von Richard Sennett über Juhani Pallasmaa bis zu Hartmut Rosa und meinem Hochschulkollegen Jörg Petruschat. Und dann wäre da noch mein Herzensthema Esskultur als Material und Medium für Beziehungen zur Welt. Großartig finde ich hier die Essays von Michael Pollan oder die Arbeiten des Polymerforschers Thomas Vilgis, der im Journal Culinaire wiederum Texte von Forschern und Praktikern aus verschiedensten Gebieten zusammenführt. Das ist nun alles nicht klassische Designtheorie – aber das Spannende entsteht sehr oft an den Grenzen der Disziplinen.

Warum ist Ihnen dieser Ansatz wichtig?
Es geht um das Verstehen und Einordnen der eigenen Tätigkeit, die Reflexion des eigenen Handelns und seiner Ergebnisse und Folgen. Dafür ist eine möglichst breite Perspektive hilfreich.
Wo findet heute eine kritische Auseinandersetzung mit Design statt?
Ein gutes Forum sind beispielsweise Ausstellungen, die nicht einfach Objekte zeigen, sondern die in ihnen enthaltenen und oft nicht gut verbalisierbaren Erkenntnisse verdeutlichen und kontextualisieren. Es könnte mehr davon geben.
Welche Aspekte kommen zu kurz in den aktuellen Designdebatten?

Es gibt drängende Fragen, die ich gerne diskutiert sähe. Wie kann ein kritisches Bewusstsein für die wirklichen Probleme unserer Zeit (Klimawandel, wachsende soziale Ungleichheit) allgegenwärtig werden? Wie kommen wir zur gestalterischen Formulierung neuer Utopien? Und wie können wir die politischen Weichenstellungen einfordern, die zu ihrer Realisierung notwendig sind? Andererseits wünsche ich mir hin und wieder auch eine Besinnung auf die Kernkompetenzen unserer Disziplin: die Schaffung ästhetischer Qualität, Hand in Hand mit oder auch jenseits von Problemlösungen.

»Design gibt Impulse für eine zukunfts fähige Lebensweise.«
Harald Gründl – Designer, Wien

Gibt es eine theoretische Position, die Sie in Ihrer praktischen Arbeit beeinflusst?
Harald Gründl: EOOS arbeitet mit dem Leitbegriff der »Poetischen Analyse«. Bilder, Rituale und Mythen begleiten die Menschheit von Beginn an. Wir übertragen diese grundlegenden Bedürfnisse ins Heute und gestalten Räume, Produkte und Strategien für ein Morgen, das sich den Anforderungen unserer Zeit stellt.
Warum ist Ihnen dieser Ansatz wichtig?
Eine neue, weltverträgliche Lebensweise braucht neue Bilder, Rituale und Geschichten. Die Rolle von Design ist in Zeiten eines dringend notwendigen positiven Wandels die eines Schamanen, der diese andere, neue Welt antizipiert – und zugleich die Übersetzungsleistung über-

nimmt, sodass die Botschaften verstanden, akzeptiert und geliebt werden.
Wo findet heute eine kritische Auseinandersetzung mit Design statt?
Hinter vorgehaltener Hand.
Welche Aspekte kommen zu kurz in den aktuellen Designdebatten?
Design kann entscheidende Impulse für eine zukunftsfähige Lebensweise geben. Das Herstellen von Kreislauffähigkeit (Circular Economy) erfordert ein grundlegendes Umdenken der bisherigen Praxis und eine informierte Herangehensweise. Open Design, lokale Produktion, eine Neu definition von Arbeit und Co-Design werden immer noch als Gegenstrategien gehandelt anstatt als Katalysatoren eines neuen Designs.

»Maßgebend sind Logik, Moral und Magie.«
Joon-Mo Lee – Design Strategy Manager, Stuttgart

Gibt es eine theoretische Position, die Sie in Ihrer praktischen Arbeit beeinflusst?
Joon-Mo Lee: Maßgebend für unsere Arbeit bei Phoenix sind die von Tom Schönherr und Andreas Haug entwickelten Leitbegriffe »Logik, Moral und Magie«. Logik meint dabei nicht nur die rationale Stimmigkeit eines Produkts, sondern vielmehr eine umfassende kulturelle Sinnstiftung nach der Devise »Form Follows Meaning«. Moral verweist auf unseren gesellschaftlichen Auftrag als Designer: Wir wollen unsere Verantwortung als kulturelle Mittler nicht missbrauchen, sondern Veränderungen bewirken, die das Leben der Menschen verbessern. Magie schließlich steht für unseren Anspruch, die Menschen mit unserem Design nachhaltig zu berühren. Gerade in einer stark von technologischen Neuerungen geprägten Zeit gilt es Wege zu finden, um Produkterlebnisse menschlicher und emotionaler zu gestalten.
Warum ist Ihnen dieser Ansatz wichtig?
Theorie und Praxis gehören zusammen. Theorie allein kann die Welt nicht verändern.

Und Praxis ohne philosophischen Unterbau läuft Gefahr, bedeutungslos oder richtungslos zu werden.
Wo findet heute eine kritische Auseinandersetzung mit Design statt?

In den Designagenturen zum Beispiel. Auch an den Hochschulen. Insgesamt wird aber in der Industrie immer noch zu wenig über Design und Innovation diskutiert. Diese Begriffe werden zwar wie selbstverständlich im Businessalltag verwendet, aber nur wenige beschäftigen sich damit, was Design konkret für die eigene Organisation bedeutet, worin eine Innovation tatsächlich besteht und welche Konsequenzen ein ernsthaftes Commitment zu Design und Innovation mit sich bringt.
Welche Aspekte kommen zu kurz in den aktuellen Designdebatten?
Definitiv das Thema der Moral. Corporate Social Responsibility sollte nicht nur zum guten Ton einer Corporate Vision gehören. Wir müssen moralische Prinzipien tatsächlich beherzigen, um Innovation und Wachstum human zu gestalten.

© Sofia Sanchez, Mauro Mongiello

»Langlebige Dinge sind wichtig.«

Inga Sempé – Designerin, Paris

Gibt es eine theoretische Position, die Sie in Ihrer praktischen Arbeit beeinflusst?
Inga Sempé: Mein Ziel ist es, gute Objekte zu entwerfen. Über diese Maxime hinaus habe ich keine Theorie.
Warum ist Ihnen dieser Ansatz wichtig?
Ich finde es wichtig, langlebige Dinge zu produzieren. Dabei sollten sie nicht nur im physischen, sondern auch im ästhetischen Sinne haltbar sein. Das ist nicht der Fall, wenn sie sich irgendwelchen Trends anpassen, denn die Leute werden ihrer dann sehr schnell überdrüssig. Dieser »Theorie« würde ich übrigens auch folgen, wenn ich bildender Künstler oder Schriftsteller wäre.
Wo findet heute eine kritische Auseinandersetzung mit Design statt?

Man muss darüber nachdenken, wie man Dinge sauber produziert. Das ist meiner Ansicht nach die einzig wichtige Debatte, aber ich fürchte, ich bin nicht qualifiziert genug, mich dazu zu äußern. Debatten, die um die üblichen Ist-das-Kunst-oder-ist-das-Design-Fragen kreisen, langweilen mich eher.
Welche Aspekte kommen zu kurz in den aktuellen Designdebatten?
Mich stört die wohlfeile Kritik an hochpreisigen Objekten – und die Neigung, billige Artikel von Kritik auszunehmen. Dabei sind sie sehr wohl kritikwürdig, da sie oft aus miesen Materialien bestehen, schlecht funktionieren und von unterbezahlten Arbeitern gefertigt werden.

© Wikipedia, Martin Kraft, 2014 / Erik Spiekermann

»Mein Leitbegriff heißt Lernen.«
Erik Spiekermann – Designer, Berlin

Gibt es eine theoretische Position, die Sie in Ihrer praktischen Arbeit beeinflusst?
Erik Spiekermann: Mein Leitbegriff heißt Lernen. Nicht nur nach Antworten suchen (vulgaris: googeln), sondern lesen, mit Kollegen diskutieren, Gedanken aufschreiben, Skizzen machen, korrespondieren, beobachten, fragen. Und immer wieder reden – gemäß der Einstellung, die Heinrich von Kleist im Aufsatz »Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden« vertritt. Darin sagt er, dass es nicht ehrenrührig sei, mit einer fest gefassten Meinung in ein Gespräch zu gehen, aber mit einer anderen Meinung wieder herauszukommen. Am meisten habe ich von den vielen hundert Kollegen und Kolleginnen gelernt, mit denen ich zusammengearbeitet habe über die Jahre.
Warum ist Ihnen dieser Ansatz wichtig?
Weil ich nur das glaube, was ich selber gesehen oder ausprobiert habe. Lesen hilft dabei, allerdings darf man nicht alles glauben, was geschrieben steht. Man muss es nachprüfen, überdenken, ausprobieren, in Frage stellen. Und darüber reden, immer wieder, privat und in der Öffentlichkeit.

Wo findet heute eine kritische Auseinandersetzung mit Design statt?
Bei mir am Tisch. Außerdem in einigen Hochschulen und in einigen Publikationen. Aber man muss viele davon lesen, um die gegensätzlichen Aspekte und Meinungen kennenzulernen. Ich bin pragmatisch – will heißen, dass ich keiner Denkschule oder -richtung angehöre, aber im Zweifel der Meinung bin, dass Design eine wissenschaftliche Disziplin ist, die sich künstlerischer Mittel zur Darstellung bedient, nicht umgekehrt.
Welche Aspekte kommen zu kurz in den aktuellen Designdebatten?
Gerade die pragmatischen. Es gibt entweder die reinen Praktiker, die alles ihrer kommerziellen Praxis und den daraus resultierenden ökonomischen Zwängen unterwerfen, oder die Theoretiker, die aus dem Elfenbeinturm (meistens dem der staatlichen Anstellung) den Praktikern mangelnde Theorie vorwerfen. Ich habe fast 50 Jahre Praxis, habe mich aber stets an Auseinandersetzungen über den Beruf Designer und die Berufspraxis beteiligt. Ohne Geschichte keine Zukunft, ohne Theorie keine Praxis. Aber auch umgekehrt.

© Markus Pritzi

»Ich nehme alternative Blickwinkel ein.«
Stefan Diez – Designer, München 

Gibt es eine theoretische Position, die Sie in Ihrer praktischen Arbeit beeinflusst?
Stefan Diez: Allgemeine Prinzipien stammen aus einer Zeit, in der die meisten Menschen einer Gesellschaft einen ähnlichen Blickwinkel eingenommen haben. Heute ist das anders: Eine gesellschaftliche Moral scheint es schwer zu haben. Man sieht das an den vielen Widersprüchen, mit denen wir uns im täglichen Leben arrangieren. Die Zehn Gebote von Dieter Rams bleiben im Kern aber gültig.
Warum ist Ihnen dieser Ansatz wichtig?
Viele unserer Projekte entstehen für Firmen außerhalb Deutschlands und Europas – ich nehme also unweigerlich alternative Blickwinkel ein. Aber wie dem auch sei: Ich versuche bei unseren Projekten, am Material zu sparen und den Aufwand

möglichst im Intellektuellen zu suchen. Ich hoffe auf einen Evolutionssprung, ermöglicht durch vernetztes Arbeiten.
Wo findet heute eine kritische Auseinandersetzung mit Design statt?
Ich sehe nicht, dass so eine Debatte stattfindet. Immerhin, an der Angewandten in Wien, wo ich seit März unterrichte, gibt es großes Interesse, die Positionen der Lehrenden herauszufinden und sich der Kritik zu stellen.
Welche Aspekte kommen zu kurz in den aktuellen Designdebatten?
Generell scheint das Problem im Ausgleich kurzfristiger, partikularer mit langfristigen, gesellschaftlichen Interessen zu liegen. Ich glaube, Gesellschaften müssen sich besser gegen die Egoismen der Einzelnen schützen.