Designer-Gossip

Das Bauhaus? Die Eames? Laaangweilig! Wir haben Anekdoten rund um Designklassiker gesammelt, die auch so manchen Kenner der Designgeschichte überraschen dürften.

Texte: Mathias Remmele
Bildredaktion: Mathias Remmele, Ann Katrin Siedenbur

© Alessi

Von Meeresungeheuern und Zitronen 

Für Anhänger der Guten Form war die dysfunktionale Zitronenpresse Juicy Salif, die Philippe Starck 1987 für Alessi entworfen hat, ein alarmierendes Symptom des Sittenverfalls in Zeiten der Postmoderne. Generationen von Designstudenten lernten sie als Beispiel für schlechtes Design kennen, bei dem Semantik vor Zweckmäßigkeit geht. Dem Erfolg des Produktes, das Starck einst, inspiriert von einem Oktopus, auf eine italienische Restaurantserviette skizzierte, hat das keinen Abbruch getan. Der Aufstieg der Presse zum Klassiker war besiegelt, als es Alessi gelang, ihren Mangel zur Tugend zu machen: Im Jahr 2000 kam eine auf 9.999 Stück limitierte Gold-Edition auf den Markt, bei der man – um die Vergoldung nicht durch die Säure zu beschädigen – explizit vor dem Gebrauch warnte. 2015 dann feierte man das Produktionsjubiläum unter dem Motto »25 Jahre ohne eine Zitrone zu pressen«. Mehr Marketingstorys, die sich um Entstehungs- und Rezeptionsgeschichten ranken, birgt wohl kaum ein Gebrauchsgegenstand.

© Josef Albers in front of an Homage to the Square, New Haven, ca. 1970–71. Foto: John T. Hill. Courtesy of the Josef and Anni Albers Foundation. © 2018 The Josef and Anni Albers Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn

Quadratisch, praktisch, groß

Die tief greifende Analyse künstlerisch gestalterischer Artefakte gehört seit je zu den vornehmsten Aufgaben der Kunst- und Designkritik. Welche Ziele verbinden sich mit einem Werk? Welche Ideen, welche Inspirationsquellen motivieren eine gestalterische Entscheidung? Einem aufmerksamen und, wie man mutmaßen darf, ehrgeizigen Kritiker ist es zum Beispiel nicht entgangen, als der Gestalter und Künstler Josef Albers um 1960 damit begann, seine berühmte Bildserie »Homage to the Square« in deutlich größeren Formaten zu produzieren. War diese Entscheidung etwa eine unbewusste künstlerische Reaktion auf die ungeheure Weite der amerikanischen Landschaft, Albers’ zweite Heimat nach der Emigration aus Nazideutschland? Oder war sie ein Reflex auf die Riesenleinwände des Abstrakten Expressionismus, der damals in New York für Furore sorgte? Hochtrabende Thesen, zu denen Albers trocken bemerkte: »Nein, nein, wir hatten uns nur gerade einen Kombi besorgt.«

© Larry Reese / © Houston Chronicle

Flüssige Schätze heben

Es gibt alltägliche Herausforderungen, für die jahrhundertelang keine überzeugenden Lösungen gefunden werden – so die Frage, wie man den Korken aus einer Weinflasche löst. Für dieses Problem war die Zeit erst gekommen, als der in Texas beheimatete Ingenieur Herbert Allen, ein Spezialist für Ölbohrungen, während eines Aufenthaltes in Europa zum Weinliebhaber wurde. Es soll seine Gattin gewesen sein, die, entnervt von den Prozeduren mit herkömmlichen Korkenziehern, bei Allen eine vernünftige Lösung anmahnte. So entstand 1979 der Screwpull, bei dem eine Metallspirale durch fortwährende Drehbewegung den Korken zuerst durchbohrt und dann mühelos elegant aus dem Flaschenhals zieht. Dass sich der Korken ganz ohne Kraftanstrengung hebt, soll an der speziellen Windung der Spirale liegen – aber was verstehen wir schon von Ölbohrung. Dieser Wissenstransfer zeigt, dass auch Ingenieursarbeit kreative Aspekte birgt.

Draußen chillen statt drinnen arbeiten

Der Alu Chair von Charles und Ray Eames, der 1958 auf den Markt kam, ist eine repräsentative Ikone des Mid-Century-Designs. Wer glaubt, alles über dieses Statussymbol im Chefbüro zu wissen, irrt. Diese Karriere war ihm nicht in die Wiege gelegt: In seiner ursprünglichen Konzeption sollte er auch für den Außenbereich nutzbar sein. Das erklärt, weshalb die Eames für Tragkonstruktion und Armlehnen auf das korrosionsbeständige, wetterfeste Aluminium zurückgriffen. Für den Außeneinsatz stattete man den Stuhl, der anfänglich als Indoor-Outdoor-Möbel vermarktet wurde, mit einer speziell entwickelten Bespannung aus. Diese war teuer und konnte die Erwartungen, die in sie gesetzt wurden, nicht erfüllen. So kam es, dass der Alu Chair schon bald von Garten und Terrasse Abschied nahm, um sich ganz in den Innenraum zurückzuziehen – mit der Armlehne aus Aluminium, die heute viele als Schwachstelle des Entwurfs empfinden.

© Courtesy of Herman Miller, Inc.

Geistesblitze, selbst gemacht

Um eine Arbeit aus dem Bauhaus kommen wir an dieser Stelle nicht herum: den Stahlclubsessel B3, heute als Wassily bekannt (auch so eine Legende, auf die wir aber hier verzichten). Entwickelt wurde er 1925 von dem seinerzeit gerade mal 23-jährigen Marcel Breuer – als erstes Stahlrohrmöbel der Designgeschichte. Die Legende zum Entwurf hat Breuer ein paar Jahre später selbst geliefert: Es sei der gebogene, aus Stahlrohr gefertigte Lenker seines Adler-Fahrrads gewesen, der ihn zum Sessel und überhaupt zur Nutzung des Stahlrohrs für den Möbelbau inspiriert habe. Designgeschichtsexperten sind sich einig: Die Story ist zu schön, um wahr zu sein. Denn Stahlrohr war längst ein bekanntes Konstruktionsmaterial der Junkers Flugzeugwerke, eines damals führenden Hightechunternehmens aus Dessau. Doch diese Inspirationsquelle klingt natürlich nicht so kreativ-genial.

© akg-images / Archive Photo