Der Zauberberg der Designwelt 

Ob als Heldenschmiede oder Gruselmärchen – die Ulmer Hochschule für Gestaltung ist eine der großen Gestalter-Legenden nach dem Bauhaus. Die Erzählung von einer in die Zukunft weisenden Vision wird aus sieben Quellen gespeist.

Text: Prof. Dr. René Spitz

© Hans G. Conrad, © René Spitz
Der Kuhberg, hier im Februar 1956 als Skipiste für die HfG-Studentin Elke Koch-Weser.

Am 13. September 2013 ereignet sich im Gebäude der ehemaligen Hochschule für Gestaltung (HfG) in Ulm Bemerkenswertes. Fast auf den Tag genau 60 Jahre nach dem Beginn des Unterrichts erscheint eine große Festgesellschaft auf dem Ulmer Kuhberg: nicht nur ehemalige Angehörige der HfG, Unterstützer der Aktivitäten des HfG-Archivs und der Stiftung HfG Ulm, sondern auch Vertreter von Lokalpolitik, Kultur, Presse und Wirtschaft. Gemeinsam feiern sie die Eröffnung der neuen ständigen Ausstellung des Archivs. Der Chief Curator of Architecture des vornehmen Museum of Modern Art aus New York sendet dafür eine Grußbotschaft per Videostream. Das Bemerkenswerte, um nicht zu sagen: Atemberaubende an seinen wohlwollenden Ausführungen besteht darin, dass er wörtlich Ulm, Braun, Dieter Rams und Apple in einem einzigen, kurzen Gedanken verbindet. Für das Publikum klingt es, als ob ihm das alles eins sei.
Gewiss, mit dem nötigen Maß an Differenzierung gelangt man zu dem Moment, in dem sich die Linien zwischen der Hochschule, den beiden Unternehmen und dem Designer zu einem Knoten schürzen lassen. Aber dafür braucht es zwei, drei Manuskriptseiten. Die Pointe besteht weniger darin, dass professionelle Präzision und Trennschärfe vermisst werden könnten. Sondern dass aus der Ferne das Wesentliche dieser Akteure (Institutionen und Personen) in einem einzigen Punkt verschmilzt – zu einem »ulmbraunramsapple«. Anders gewendet: Selbst einem Fachmann, der sich an der inhaltlich verantwortlichen Spitze einer der weltweit führenden Organisationen für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Fragen der Gestaltung befindet, erscheint »ulmbraunramsapple « als ein einziges signifikantes Phänomen. Möglicherweise lässt sich die Reihenfolge der Platzierung in dieser Kopplung tauschen – geschenkt.

Die Legende als Zerrbild
So beschreibt »ulmbraunramsapple« den aktuellen Status der Ulmer Legenden recht treffend. Dieses vereinfachte Zerrbild ist eine Tatsache. Es gibt darüber Auskunft, wie die HfG aktuell rezipiert wird. Es nützt nichts, diese Situation zu ignorieren oder sich darüber lustig zu machen. Als Ressource erweist sie sich vielmehr als hilfreich: Seit jenem Freitag, es war der Dreizehnte, eröffne ich meine Vorträge zur HfG mit dieser Formel und einer Abbildung, die nebeneinander einen Entwurf Otl Aichers für Braun (Exporter, 1954), eine Arbeit von Dieter Rams (Braun T3, 1958) und Apples iPod mit Clickwheel (2001) zeigt. Auf den ersten Blick verblüfft die Übereinstimmung der Oberflächen. Dadurch ist das Interesse geweckt, um die erforderlichen Details schrittweise so nachzuvollziehen, dass ein angemessen nuanciertes Gesamtbild entsteht.
Immerhin: Die HfG ist als Legende präsent. Auch die gegenwärtige Bauhaus-Fokussierung hat sie nicht aus der Aufmerksamkeit der internationalen Designszene verdrängt. Beispielsweise kreisten die Diskussionen auf der letztjährigen Konferenz der asiatischen Gesellschaft für Designgeschichte (ACDHT) immer wieder um das UlmerModell. Im laufenden Jahr waren es, ganz stichprobenartig, Tagungen in Kassel, New York und Dänemark, bei denen die Scientific Community Aspekte der HfG-Geschichte diskutierte. Gleichzeitig hat sich weltweit eine Fangemeinde etabliert, die HfG-Ikonen (Ulmer Hocker, Braun, Lufthansa, die Zeitschrift ulm, Olympische Spiele 1972 et cetera) sowohl feiert als auch imitiert – und ihre Wertschätzung über Social Media teilt.

© Hans G. Conrad, © René Spitz

Otl Aicher mit Bambi, dem Chow-Chow des Fotografen und HfG-Studenten Hans G. Conrad, auf dem Ulmer Kuhberg am 24. Mai 1953. Der Hund konnte allein mit dem Bus vom Kuhberg in die Stadt und zurück fahren.

Sieben Quellen speisen die Legende 

Was mit Legende gemeint ist, verdeutlicht ein Vergleich zu Dornröschen. Dieser Stoff ist Meta-Literatur: eine Geschichte, die erzählt, wie Legenden entstehen. Es gibt zwar einen faktischen Kern. Aber im Laufe der Jahre wird er überwuchert von einem feindseligen undurchdringlichen Geflecht, das den Kern vor den Blicken von außen abschirmt. Auch um die HfG rankt sich ein dichtes Gewebe aus narrativen Strängen, die wunderbare Blüten treiben und längst ein entkoppeltes Eigenleben führen. Diese Legende HfG speist sich aus sieben Quellen.

1. Öffentliche Aufmerksamkeit
Zuerst nährt sich die Legende aus der Bekanntheit der HfG: Schon mit den frühesten Plänen, die Ende 1949, Anfang 1950 entstehen, nimmt die internationale Presse das, was da in Ulm geschieht, unter die Lupe. Kontinuierliche Medienberichte spielen auch bis nach 1968 eine wichtige Rolle für das Bild der HfG in der Öffentlichkeit, denn interner Streit wurde immer auch über die Presse nach außen getragen und verschärfte die Situationen. 1949 bis 1953 war es die Gründungsphase, die durch Tages- und Wochenzeitungen begleitet wurde; bis 1955 die Bauphase und die Eröffnung der Gebäude; 1956/57 die Trennung von Max Bill; 1961/62 Aichers Verfassungsputsch, der zur Degradierung der Wissenschaftler führte; 1963/64 die sogenannte »Spiegel«-Krise, die in die Überprüfung der Förderungswürdigkeit der HfG durch den Landtag mündete; sowie ab 1965 die Zuspitzung der Finanzlage in Kombination mit zunehmender Polarisierung der Positionen.

2. Debatte und Streit in Permanenz
Daran schließt nahtlos ein zweiter Nährboden für die Legende HfG an: Permanenter Austausch von Positionen und Gedanken, der nur zum geringen Anteil als sachliche Debatte geführt wurde, meist aber in vehementen Streit und Schlagabtausch unterhalb der Gürtellinie ausartete – was für Unbeteiligte auch Unterhaltungswert hatte. Angefangen bei der kulturpolitischen Frage, ob eine private Hochschule für etwas diffus Neues, das damals noch nicht Design hieß, überhaupt Zuschüsse aus Steuermitteln erhalten sollte. Ob dieses Thema nicht ebenso gut oder sogar viel besser an den staatlichen Technischen Hochschulen für Architektur und Kunstakademien anzusiedeln sei. Ob das traditionelle Meisterklassen-Modell den angemessenen pädagogischen Rahmen dafür bot. Welche Rolle »die« Wissenschaft im Design übernehmen sollte. Ob Design ein wertfreier, geradezu objektivierbarer Planungsprozess sei. Bis hin zum Zweifel an der Existenzberechtigung von Design, das als »Handlanger der Konsumindustrie « zur Zerstörung der Umwelt beitrage.

3. Berühmtheiten
Drittens hatten die Menschen, die an der HfG wirkten – und sei es nur für einen Gastvortrag –, ganz offensichtlich etwas zu sagen: Sie waren schon zu ihrer Zeit in Ulm deswegen berühmt (zum Beispiel Max Bill, Josef Albers, Johannes Itten, Walter Gropius, Konrad Wachsmann, Friedrich Vordemberge-Gildewart, Richard Buckminster Fuller, Ray und Charles Eames, Norbert Wiener), oder sie wurden es danach (Otl Aicher, Hans Gugelot, Tomás Maldonado, Alexander Kluge, Horst Rittel, Walter Zeischegg, Karl Gerstner, Anton Stankowski, Abraham Moles, um nur eine kleine Auswahl zu nennen).

4. Das gesellschaftspolitische Fundament
Viertens war die HfG Ulm über Inge Aicher-Scholl und Otl Aicher glaubwürdig wie keine zweite Institution mit den absoluten Fragen von Wahrheit und wahrhaftigem Leben verbunden, zugleich auch mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte, mit weltweitem Mord und Totschlag, mit dem Bösen schlechthin. Der studentische Widerstand von Hans und Sophie Scholl und die damit verbundene humanistische Ausrichtung bildete das sittliche und gesellschaftspolitische Fundament der HfG. 

5. Eine zukunftsweisende Vision von Design
Fünftens wurde an der HfG etwas Neues ins Werk gesetzt, dessen

Bedeutung den meisten Zeitgenossen entgangen ist, worüber sich aber aus der Rückschau bequem ein sentimentales Trauerlied über das Fehlen der ursprünglichen Institution anstimmen lässt: Wie zukunftsweisend die damalige Vision doch für die Theorie und Praxis des internationalen Designs gewesen ist! Beispielsweise der Versuch der Versachlichung des Designs und der Emanzipation von der Kunst – in Abgrenzung zum Bauhaus. Der Ansatz, den Arbeitsplatz des Designers aus dem Atelier des Künstlers herauszuholen und seine Rolle in interdisziplinären Teams als lösungsorientieren Prozessbevollmächtigten mit ästhetischer Urteilskraft zu begreifen. Die Überzeugung, dass für gelungenes Design die Perspektive des Nutzers gleichberechtigt neben anderen Interessen Gehör finden muss und dass dafür allseitige Forschung erforderlich ist. Die Bevorzugung nachhaltiger Systeme vor kurzfristig originellen Einfällen. Das Primat rationalen, kritischen Denkens und Argumentierens gegenüber der emotionalen Überwältigung und dem romantischen Genie- Ideal. Die Beschäftigung mit dem Interface, lange vor dem Konzept »User Experience«.

6. Das märchenhafte Potenzial des Designs
Daran knüpft sechstens das Phänomen Apple an, wo ganz augenscheinlich zentrale Ulmer Ansätze unter neuen Bedingungen zu ungeheurem ökonomischem Erfolg geführt haben: Welches geradezu märchenhafte Potenzial Design in sich birgt, ist längst eine Plattitüde in der Wirtschaftspresse. Die Phrasen, die dazu gehören, lauten wahlweise »form follows function« oder »less is more« oder »Ornament und Verbrechen« oder »Gutes Design ist …« oder »Design Thinking«.

7. Die Mär vom Kampf der Aufrechten
Zuletzt, siebtens, gibt es auch eine in ihrer Dramaturgie reizvolle Erzählung, die das Ende der HfG melodramatisch zuspitzt: Die Behauptung, dass der Stuttgarter Landtag die HfG Ulm geschlossen habe, entbehrt zwar jeder faktischen Grundlage, bedient aber das narrative Muster vom aussichtslosen Kampf der kleinen Schar von Aufrechten gegen die übermächtigen Schurken im Dunkeln. Die folgerichtige Empörung über diese Ignoranz und Ungerechtigkeit knüpft an vergleichbare, bittere Erfahrungen an, die wir alle in unserem Leben schon einmal machen mussten. Speziell dieser Impuls wird seither immer wieder aktualisiert, sobald die atmosphärisch dichten Fotografien der protestierenden Studenten, ihre teils humorvollen und teils geschmacklosen Plakate und ihre pathetischen »Selbstauflösungs «-Happenings veröffentlicht werden. Die Parallele zum Bauhaus, das 1933 von den Nationalsozialisten zur Schließung gezwungen wurde, ist auch zu naheliegend: War doch der Stuttgarter Ministerpräsident in der Nazi- Zeit ein hochrangiger Richter; auch war er dämlich genug, davon zu faseln, dass das Alte beseitigt werden müsse, um dem Neuen Platz zu machen.
 Designer wie Ruedi Baur erinnern seit Jahren daran, dass die kritische Einstellung und die Ziele der HfG Ulm heute so wichtig seien wie vor 70 Jahren, daraus aber nicht die identischen formal-asketischen Schlüsse im Duktus eines Ulmer Stils (»The Rebirth of Cool«) gezogen werden müssten. Gleichzeitig offenbart sich an dieser Kreuzung von moralisch gesellschaftspolitischen und formalästhetischen Ansprüchen ein unauflösbares Dilemma: Kluge Überlegungen garantieren keine gelungene Gestaltung, und wer schlüssig argumentieren kann, ist deshalb noch längst kein erfolgreicher Gestalter. Umgekehrt sind herausragende Designer bisweilen wortkarg, oder schlimmer noch, sie verbreiten halbgaren Unsinn. Max Bill – überzeugend sowohl durch seine Schriften als auch durch seine Praxis – hat deshalb schon in den frühen 1950er Jahren energisch davor gewarnt, Moral mit Gestaltungsqualität zu verwechseln oder das eine zum Bewertungskriterium des anderen zu erheben. Er wurde nicht gehört, sonst hätte die Postmoderne nicht mit solcher Lust an der Provokation die blanke Freude am Unvernünftigen zum Prinzip erheben können. Möglicherweise ist es dieses Potenzial – dieses anhaltende intellektuelle Reizklima, das eine regelmäßige ästhetische Aktualisierung provoziert –, was den Oberen Kuhberg als Zauberberg der Designwelt am Leben hält.