Disruptiv im Bauhausstil

Wer gestaltend mit Sprache umgeht, greift auch mal daneben. Wir eingeschlossen, natürlich. Unsere Favoriten für ein Bullshit- Bingo mit der Designsprache.

Texte: Thomas Edelmann, Markus Frenzl, Martin Krautter, Wiebke Lang, Mathias Remmele, Thomas Wagner

Bau|haus|stil

»Ein allzu bequemer Journalismus« habe sich »nicht die Mühe gegeben, die Geschichte der 1920er Jahre wirklich zu erforschen«, konstatierte der Bauhaus-Kenner Walter Dexel 1964. »Es wäre hoch an der Zeit, dass Gegner wie Freunde damit aufhörten, das bequeme Klischee ›Bauhausstil‹ zu verwenden, das nur die Unkenntnis elementarster Tatbestände der 1920er Jahre überhaupt entstehen lassen konnte.« Lest Dexel! Allemal 2019, im Jahre 100 der Bauhaus-Zeitrechnung!

dis|rup|tiv

Bäm! Da macht schon wieder eine Technologie, ein Produkt, eine Dienstleistung einen ganzen Wirtschaftszweig dem Erdboden gleich. Das vermitteln jedenfalls allgegenwärtige Berichte über »disruptive Innovationen «. Dabei hat Airbnb die Hotelbranche zwar erschüttert, aber eben nicht verdrängt, Amazon den träge gewordenen stationären Handel in Bewegung gebracht, aber nicht zerstört. Ergo: Den Begriff »Disruption « sparsam einsetzen – nicht nur wegen der Übertreibung, sondern auch deshalb, weil es den Herdentrieb vieler Journalisten offenbart, trendige Fremdwörter unreflektiert in ihren Wortschatz aufzunehmen, um kompetent zu wirken.

form|schön

An sich versteht es sich von selbst, dass es bei einem Gebrauchsgegenstand um die Schönheit seiner Form und nicht um die Schönheit seiner Funktion – oder gar einer ihm innewohnenden Seele – geht. Der Begriff »formschön« ist deshalb meist redundant. »Formschön« soll wohl objektiver klingen als ein schlichtes »schön« – und wirkt doch so tantenhaft bildungssprachlich, als sei das Wort einer Fünfzigerjahrewerbung entsprungen.

funk|ti|o|nal

Die 122 Jahre alte Sullivan-Sentenz »form follows function« gehört längst zum Bildungskanon und hat dafür gesorgt, dass »funktional« im Designkontext irgendwie immer passt. Tatsächlich ist seit dem erweiterten Funktionsbegriff klar, dass es im Design um mehr geht als nur um praktische Funktionen. Entsprechend wird »funktional« ohne nähere Definition zu einer floskelhaften Stil-Zuweisung, mit der im Designversand Produkte beschrieben werden, die nicht funktional im Sinne praktischer Funktionen, sondern vielmehr funktionalistisch im Sinne der Symbolfunktionen sind.

Ge|schich|ten er|zäh|len

Okay, der Mensch vergisst schnell, kann eine Brause kaum von der anderen unterscheiden. Also serviert ihm das Marketing eine kitschige Geschichte – und prompt kauft er die so beworbene Plörre. Muss, wo es um das Design der Produkte geht, aber gleich jeder Hocker und jede Benzinkutsche eine Geschichte erzählen? Dagegen hilft nur: Niemals schreiben, dieses oder jenes »erzählt eine Geschichte«. Im Spot mit der Zero-Brause hieße das: Wenn ich will, ist keiner Manuel Neuer! Welche Geschichte habe ich jetzt eigentlich erzählt?

In|spi|ra|ti|on

Eingebungen kannten früher nur Künstler und Schriftsteller. Meist blieben sie aus, weil ein Gott gerade Pause machte. Heute, im Zeitalter des kreativen Kapitalismus und der medialen Dauererregung, empfängt ein jeder dauernd einen diffusen göttlichen Anhauch. Fragt sich nur: Was kommt dabei heraus?

kre|ie|ren

Der Töpfer töpfert, der Bäcker backt. Der Designer designt. Der Kreative … ? Da haben wir den Salat. Was in vielen anderen Sprachen glatt funktioniert, nämlich von »kreativ« eine Tätigkeit abzuleiten, führt auf Deutsch zum Wortmonster »kreieren«. Korrekt, aber mit seinen drei Vokalen in Reihe hässlich wie die Nacht. Bitte, liebe Kreative, schafft lieber oder schöpft: Denn beim Wort »kreieren« muss ich … Na, machen Sie sich selbst Ihren Reim.

ku|ra|tie|ren

Wer schöpferisch wirken möchte, aber nicht selber gestaltet, kann »kuratieren«. Etwa den Content auf der Unter nehmenswebsite, Fotoserien auf Instagram, Kos metik produkte im Schaufenster, die Menükarte in der Themengastronomie, die Kleidung seiner Kinder. Präziser wäre hier das Wörtchen »zusammenstellen«, denn die Arbeit des kuratierenden Kurators beinhaltet nicht nur das dekorative Drapieren von Objekten und Themen, sondern auch die Erforschung von Inhalten und die Bewertung von Zusammenhängen. Aber das klingt nicht so glamourös.

Re|duk|ti|on

Reduzieren kann man eine Soße, damit Substanz und Geschmack intensiver werden. Im Labor bezeichnet »Reduktion« den der Oxidation entgegengesetzten Prozess. Schwer genug ist es, etwas einfach, aber nicht einfacher als nötig zu gestalten. Um stabile Dinge leicht erscheinen zu lassen, ist ein hoher Material- oder Energieaufwand erforderlich, mit Reduzieren hat das in den seltensten Fällen zu tun.

schlicht

»Schlicht« kommt laut Grimmschem Wörterbuch von »schlecht«, heißt aber auch »eben, glatt«. Soll es »schlicht und ergreifend« zugehen, greift man gern zu dem kurzen Adverb. Doch »schlicht« ist ein ideologisch aufgeladener Begriff, der Verzicht auf Gestaltung unterstellt, zugunsten einer vermeintlich »natürlichen« Form. Design ist eben dies nicht: naturwüchsig, ungestalt. Der Gebrauch des Wörtchens »schlicht«, wo im Grunde »einfach« gemeint ist, trifft also selten ins Schwarze.

smart

Dinge, die irgendwie digital und vernetzt sind, heißen heute allesamt: smart. Ganze Häuser sind es, einsame Türschlösser, als Lautsprecher getarnte Spione, ja selbst das Leben. Besonders Männer lieben solche Spielzeuge, die im Grunde nichts anderes verkörpern als die eigene Dummheit. Bunte Smarties sind wenigstens süß und nahrhaft.

zeit|los

Das durch seinen inflationären Gebrauch fast entwertete Adjektiv »zeitlos« war im Deutschen ursprünglich der Gottesdefinition vorbehalten – etwa Sebastian Franck in der um 1540 erschienenen Schrift »Paradoxa «: »Gott ist formlosz, namlosz, personlosz, willosz, zeitlosz und statlosz.« Einen zeitgenössischen Entwurf, kaum dass er auf dem Markt ist, als »zeitlosen Klassiker « zu bewerben, ist Unsinn – denn wer kann das schon wissen? Wir schlagen als Alternative »zeitbeständig« vor. Das tönt zwar nicht nach göttlicher Ewigkeit, ist aber immer noch eine auszeichnende Charakterisierung, die nur wenige Designobjekte verdienen.