Wilder leben

Die Frage nach dem besseren Leben bewegt Kreative und andere Querdenker nicht erst im 21. Jahrhundert: Stefan Bollmanns Sachbuch »Monte Verità – 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt« schildert die Anfänge der Tessiner Aussteigerkolonie, in der prominente Besucher wie Hans Arp, Hermann Hesse und Gerhart Hauptmann Alternativen zu überkommenen Gesellschaftsstrukturen suchten.

Text: Hubertus Adam

In der Kuranstalt Mallnerbrunn in Veldes, dem heute slowenischen Bled, begegneten sie sich 1899 erstmals: der Industriellensohn Henri Oedenkoven, die als Musiklehrerin tätige Pianistin Ida Hofmann und Karl Graeser, der mit seiner Laufbahn als Offizier haderte. Unzufrieden mit ihrem bisherigen Leben und dem Zustand der Gesellschaft waren sie aus verschiedenen Gründen. So entstand die Idee, modellhaft eine Kolonie für ein besseres Leben aufzubauen. Ende des Jahres 1900 fand die inzwischen um weitere Personen erweiterte Aussteigergruppe ein geeignetes Terrain in dem Ascona überragenden Hügel Monescia, dem sie den Namen »Monte Verità« gaben: Berg der Wahrheit. An der Schnittstelle zwischen dem Norden und dem Süden Europas gelegen, wurde die Kolonie im schweizerischen Tessin Brennpunkt der Reformbestrebungen des frühen 20. Jahrhunderts. In aller Ausführlichkeit dokumentiert wurde die Bedeutung des Ortes erstmals 1978 in der legendären, vom Kurator Harald Szeemann entwickelten Ausstellung »Monte Verità – die Brüste der Wahrheit«, die in Zürich, Wien, München und Berlin zu sehen war und anschließend dauerhaft vor Ort in der Casa Anatta, dem einstigen Wohnhaus von Oedenkoven und Hofmann, installiert wurde. Nach langer Zeit der Verwahrlosung – der italienischsprachige Kanton Tessin konnte sich mit den Hinterlassenschaften der Weltverbesserer aus dem Norden lange nicht so recht anfreunden – ist Szeemanns grandiose Materialsammlung in der frisch restaurierten Casa Anatta seit diesem Mai wieder öffentlich zugänglich.

Insofern kommt das Buch »Monte Verità – 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt« zur rechten Zeit. Mit seinem feuilletonistischen, mitunter ironischen Stil gelingt es dem Autor Stefan Bollmann, die Geschehnisse auf dem Hügel anschaulich zu schildern. Der Fokus liegt auf den ersten beiden Dekaden, während spätere Entwicklungen wie der Ausbau »zu einem alternativen Wellness- Ressort« unter dem Bankier von der Heydt ab 1926 eher kursorisch behandelt werden. Bollmanns Buch wäre ohne die zahlreichen Zeitzeugnisse von Protagonisten und Kritikern, vor allem aber die Sammeltätigkeit von Szeemann nicht möglich gewesen. Aus der Überfülle an Quellen wählt der Autor klug aus und thematisiert die wichtigsten Tendenzen, wobei auch immer wieder der Bogen zur Gegenwart geschlagen wird. Vegane Ernährung, Körperbewusstsein, Feminismus, Leben im Einklang mit der Natur, DIY – alles zeitgenössische Trends, die schon bei den Aussteigern um 1900 Thema waren. Manche Parallelen verblüffen in der Tat, und doch verweigert sich Bollmann aus gutem Grund vordergründigen Parallelisierungen. Die Monteveritaner versuchten Antworten auf Fragen zu finden, die das 19. Jahrhundert als Epoche der Industrialisierung, Säkularisierung und Fortschrittsgläubigkeit oder, wie es Max Weber formulierte, der »Entzauberung der Welt« aufgeworfen hatte. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts haben sich die Problemlagen verschoben. Im Gegensatz zu Szeemann, der nach 1968 die verschütteten Spuren wieder ins Bewusstsein bringen wollte, sieht Bollmann den Monte Verità eher als Erfolgsgeschichte, die sich von 1900 über 1968 in Schüben bis in die Gegenwart fortsetzt. Seine Bedeutung bestehe in der Revolte gegen überkommene Lebensstile, im Ausprobieren neuer Haltungen. So beschreibt der Autor den Monte Verità als Experimentierfeld der Alternativkultur, das die »Alternativlosigkeit « des Etablierten entlarvt hat.

Stefan Bollmann
Monte Verità – 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt
DVA, München, ISBN: 978-3-421-04685-7, € 20,–

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