Ein Historienpanorama des Konsums

Zeit für einen Überblick über die Geschichte des Konsums: Unser Autor Martin Krautter hat Frank Trentmanns »Die Herrschaft der Dinge« mit der Brille des Produktdesigners für uns rezensiert.

Lass die Dinge fahren und finde dein wahres Selbst: So lautet ein gängiges Muster der Konsumkritik. Und es bräuchte schon ein sehr dickes Fell, um sich als Designer nicht zu fragen, ob man angesichts sich zuspitzender wirtschaftlicher und ökologischer Krisen Teil der Lösung oder Teil d es Problems ist. Da trifft ein Buchtitel wie »Die Herrschaft der Dinge« den Nerv. Auf über 1.000 Seiten verspricht der Autor Frank Trentmann, Professor für Geschichte am Birkbeck College der Universität London, einen Überblick über die Historie des Konsums seit dem 15. Jahrhundert: Allein der schiere Umfang signalisiert, dass die Lektüre kein Spaziergang wird. Gleich vorweg: Als Historiker fokussiert Trentmann kaum Designaspekte seines Themas, und er ist auch keiner jener Autoren, die zum Einstieg eine möglichst steile These präsentieren, um diese dann Kapitel um Kapitel argumentativ zu unterfüttern.

Vielmehr malt er mit enormem Detail- und Kenntnisreichtum das ganz große Geschichtspanorama, ein betont ausgewogenes Sittenbild des Konsums von den Medici bis in die Gegenwart. Er widmet vermeintlichen Seitensträngen wie der Entwicklung des Konsums in China oder Japan, im real existierenden Sozialismus, aber auch der europäischen Kolonialgeschichte große Aufmerksamkeit – und macht dabei hochinteressante Zusammenhänge transparent: Etwa wie Kolonialwaren wie Kaffee, Tee und Schokolade den Konsum in Europa veränderten, wie geistige Traditionen in China dort die Entstehung des heutigen, staatlich gesteuerten Massenkonsums begünstigten oder wie ähnlich sich die Ideale einer Wohlstandskultur in Ost und West in Zeiten des Kalten Krieges doch waren. Konsum scheint erstaunlich unabhängig von Ideologien zu sein.

Viele Parallelen der Konsum- zur Designgeschichte zeichnen sich dabei ab, wenn es auch dem designinteressierten Leser überlassen bleibt, sie wahrzunehmen. Ein Beispiel: Mit dem Aufkommen der Kaffee- und Teekultur im 18. Jahrhundert entsteht eine enorme Nachfrage nach passendem Geschirr. Auftritt Josiah Wedgwood, der mit planmäßig gestaltetem und industriell produziertem Steingutgeschirr zum Pionier des Industrial Design wurde. Wedgwood war übrigens entschiedener Gegner der Sklaverei, was die Brücke zu Trentmanns insgesamt positiver Haltung zur Konsumkultur schlägt: Sie habe den Besitz von Menschen durch den Besitz von Dingen abgelöst, der Konsument emanzipierte sich zum Staatsbürger. Zugleich zeigt der Autor mit einer gewissen Süffisanz, wie sich die eingangs zitierten konsumkritischen Klischees seit den alten Griechen wiederholen. Er sieht, und da können Designer sicher zustimmen, die Dinge als identitätsstiftend, als legitime Erweiterung und als Ausdruck des Ichs.

Doch insbesondere vor den ökologischen Problemen, die unsere Überflussgesellschaft hervorruft, steht auch Trentmann schließlich etwas ratlos. Etwa wenn die Ressource, die durch neue, energieeffiziente Hausgeräte eingespart wird, umgehend für zusätzlichen Konsum eingesetzt wird. Ohne tiefgreifende Änderungen unseres »rastlosen Lebensstils«, der die Optimierungsmechanismen der Arbeitswelt auf die Freizeit übertrage, sieht auch der Autor schwarz für die Zukunft. Und liefert damit zumindest einen Ansatzpunkt für künftige Aufgaben und Strategien des Designs.

Frank Trentmann:
Herrschaft der Dinge: Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute.
Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt und Stephan Gebauer-Lippert
DVA, München 2017
ISBN: 978-3-421-04273-6, 40,– €