Entmystifiziert

Die Studie »Design Thinking und der neue Geist des Kapitalismus« setzt dem Hype um die Innovationsmethode eine kritische Analyse entgegen. Sie bestätigt die Skepsis, die viele Gestalter dem Design Thinking entgegenbringen, in soziologischen Beobachtungen. Markus Zehentbauer hat die Publikation für uns rezensiert.

War es nicht schon immer der Wunschtraum der Designer, in die Sphären des Managements vorzudringen, von Anfang an und gleichberechtigt über neue Produkte zu sprechen, grundlegende Fragen zu stellen? Ließe sich die Problemlösungskompetenz des Designs nicht auch nutzen, um sie für alle Lebensbereiche einzusetzen? All dies schien Design Thinking möglich zu machen – immerhin hat man dieses Konzept zur Entwicklung von Produkt- und Dienstleistungsideen einst direkt vom Arbeitsprozess der Designer abgeleitet. Nur leider spielen gerade Designer innerhalb des Design Thinking oft keine Rolle.
Nun hat zum ersten Mal ein Wissenschaftler die von euphorischen Selbstbeschreibungen und einem inzwischen abflauenden Hype verdeckte Praxis des Design Thinking untersucht. Tim Seitz’ soziologische Studie kümmert sich nicht um Design-Fragen– das ist aber auch ihr großer Vorteil. Denn es ist die Distanz zum Geschehen, aus der heraus Seitz zu aufschlussreichen Analysen gelangt. Als Praktikant schleuste er sich in eine Berliner Innovationsagentur ein, die einen Design-Thinking-Workshop nach dem anderen veranstaltet, an denen Seitz als Beobachter teilnimmt. Der sechsstufige Prozessdieser Workshops (Verstehen, Beobachten, Sichtweise Definieren, Ideen Finden, Prototypen Entwickeln, Testen),wie ihn Seitz beschreibt, enthält Methoden der empirischen Sozialforschung, Anleihen an Design- und Kreativitätstechniken. Potenzielle Kunden werden befragt oderbeobachtet; die Teilnehmer entwickeln Personae, denen bestimmte Bedürfnisse und Eigenschaften zugeschrieben werden; und sie visualisieren ihre Ideen, indem sie aus Büromaterialien Prototypen basteln. Was Seitz auffällt, ist, dass dabei weniger die Ergebnisse, die Qualität der Ideen im Vordergrund stehen als vielmehr das Setting und der Prozess selbst: der von einer Stoppuhr streng durchgetaktete Zeitplan; die Einhaltung der Methoden, von denen 25 in einem Booklet bereitliegen; die entsprechend ausgestatteten Räume mit Stehtischen, Whiteboards, Post-its, Bastelmaterial.»Nicht Erkenntnisgewinn steht an oberster Stelle, sondern das dynamische Voranschreiten als Gruppe«, so Seitz. Der Ansatz scheint demnach weder mit»Design« noch mit »Thinking« viel zu tun zu haben. Der Prozess ist schon vorbei, wenn es für Gestalter erst interessant wird. Zeit für ausführliche Diskussionen oder Forschungen bleibt keine. Theorie wird ersetzt durch Empathie. Design Thinkers sollen sich hineinfühlen in den Nutzer, um dessen Bedürfnisse herauszufiltern. Wenn aber bereits die auf Klebezettelgebannte Persona als Stellvertreterin für den Nutzer eine von den Teilnehmern konstruierte Erscheinung ist, wie kann sich dann Nutzernähe einstellen? Eine andere Möglichkeit, die Nutzer am Prozess zu beteiligen, ist in den beschriebenen Projekten nicht vorgesehen.
Für Tim Seitz erweist sich Design Thinking deshalb als Ausdruck eines neuen Kapitalismus, der gekennzeichnet ist vom Authentizitätsversprechen der Nutzernähe und von einer Arbeitsweise, die Selbstverwirklichung und die Emanzipation von hierarchischen Strukturen verspricht – und sich dadurch auszeichnet, dass sie »sich nicht wie Arbeit anfühlt«. Kein Designprozess, sondern ein designter Prozess. Es sind in erster Linie Manager, BWLer, Ingenieure, die sich an den Hasso-Plattner-Instituten in Stanford und Berlin ausbilden lassen. Sie sollen lernen, wie Designer zu denken – ersetzen können sie sie nicht. Profitieren kann die Disziplin jedoch in jedem Fall. Wer soll die vielen neu generierten Ideen sonst in Produkte und Dienstleistungen übertragen? Eine Idee, nicht zu Ende gedacht, ist wenig wert

Tim Seitz
Design Thinking und der neue Geist des Kapitalismus

Transcript Verlag, Bielefeld
ISBN 978-3-8376-3963-6, € 24,99


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