»Der Rat kann die Branche unterstützen, am Ball zu bleiben«

Der Rat für Formgebung feiert sein 65. Gründungsjubiläum. Welche Relevanz hat die Institution heute, welchen Herausforderungen muss sie sich künftig stellen? Ein Gespräch zwischen Hauptgeschäftsführer Andrej Kupetz und Christian Zanzotti, Industriedesigner und German Design Award Newcomer 2014.

Interview: Wiebke Lang

Der selbständige Münchner Industriedesigner Christian Zanzotti (links) diskutiert mit Andrej Kupetz, Hauptgeschäftsführer Rat für Formgebung, die Entwicklungen in der Designbranche.

Herr Kupetz, wie haben Sie über den Rat für Formgebung gedacht, als Sie als junger Designer Ende der 1990er Jahre die Geschäftsführung übernehmen wollten?
Andrej Kupetz: Das war recht aufregend. Der Rat für Formgebung war mir mit einem Produktdesigner als Vater immer ein Begriff, allerdings war der Rat mein Studium über überhaupt nicht präsent. Als ich von der freien Stelle des Geschäftsführers hörte, suchte ich nach einer Herausforderung. Ich war als Designmanager bei der Deutschen Bahn beschäftigt und fragte mich natürlich, ob ich überhaupt eine Chance habe. Unser damaliger Präsident Randolf Rodenstock fand vermutlich Gefallen an mir, weil ich aus der Wirtschaft kam. Denn es standen große Veränderungen bevor: Der Rat war damals noch extrem abhängig von öffentlichen Zuwendungen und hatte durch die geringen Mittel wenig Handlungsspielraum. Es war auch klar, dass diese öffentlichen Mittel weniger werden würden in Zukunft. Also war meine Aufgabe, das wirtschaftliche Überleben des Rat zu sichern.

Welche Themen beschäftigten die deutsche Designbranche zu diesem Zeitpunkt?
Kupetz: Ende der 1990er waren die spannendsten Designnationen Holland und England, weil sie den Funktionalismus überwunden hatten. Hierzulande herrschte noch der Ulmer Geist in Form einer sehr rationellen Gestaltung. Wir wollten dieses Aufbrechen der funktionalistischen Strukturen auch im deutschen Industriedesign sichtbar machen und das Potenzial des deutschen Designs im 21. Jahrhundert aufzeigen. Wir initiierten gemeinsam mit der Messe Köln Formate wie das »Ideal House« und einen Preis zur Nachwuchsförderung. Plötzlich wurden Tendenzen jenseits des Funktionalismus sichtbar … Und es war die Zeit der großen Web-Blasen. Die New Economy ließ das Kommunikationsdesign wichtiger werden als das Produktdesign. Dafür waren wir im Rat für Formgebung nicht aufgestellt: Wir hatten einen einzigen Kommunikationsdesigner im Präsidium, Erik Spiekermann. Das zu ändern, war mir wichtig. Vorher gab es nur einen Bundespreis Produktdesign – nun begannen wir, auch visuelle Kommunikation auszuzeichnen.

Politik trifft Design: Philipp Rosenthal (Mitte) präsentiert Walter Gropius (links) und Altkanzler Ludwig Erhard (rechts) den Preisträger des Rosenthal-Studio-Preises 1966 – Helmut Bätzners Bofinger-Stuhl.

Eine neue deutsche Gestaltungshaltung: Egon Eiermanns und Sep Rufs Deutscher Pavillon zur Weltausstellung in Brüssel 1958.

Herr Zanzotti, Sie haben 2014 den German Design Award Nachwuchswettbewerb gewonnen. Wann haben Sie das erste Mal vom Rat gehört?
Christian Zanzotti: Ich habe Herrn Kupetz vor rund 15 Jahren bei einem Vortrag an der Hochschule München erlebt. Damals hatte ich gerade mein Designstudium begonnen und fand es hochspannend zu lernen, dass es einen Rat gibt, der das Design vertritt, das Gut hütet und es ernst nimmt.

Der Rat für Formgebung wurde 1953 gegründet, um das deutsche Design weltweit konkurrenzfähig zu machen. Heute werden Sie, Herr Zanzotti, von chinesischen Unternehmen unter anderem auch gebucht, weil Ihre Haltung deutsches Industriedesign verkörpert. Brauchen wir heute denn überhaupt noch einen Rat für Formgebung, der deutsches Design fördert?
Zanzotti: Deutschland ist zu einer Designnation herangewachsen und unser Design steht international für Qualität – davon profitiere auch ich. Weltweit steigt das Niveau; die Konkurrenz hat rapide zugenommen. Ich halte es für wichtig, dass die deutsche Designbranche durch die Entwicklung neuer Prozesse und Denkweisen lernt, mit dem internationalen Tempo mitzuhalten. Der Rat kann die Branche unterstützen, am Ball zu bleiben.

Gibt es denn noch irgendetwas spezifisch Deutsches im Design?
Kupetz: Ja, aber das ist eher eine Haltung. Schon im Bauhaus ging es Walter Gropius darum, einen ganzheitlichen Entwurf für die Neuzeit zu schaffen, den Anwender radikal in den Fokus zu rücken und die Möglichkeiten neuer Maschinen, Techniken, Materialien im Detail auszuloten. Das ist einerseits sehr deutsch, sehr theoretisch, andererseits bezeichnete Philipp Johnson das Design aus Deutschland schon 1934 als International Style. Also als ein Design ohne Herkunftsnachweis.

Sind wir im digitalen Design auch Vorreiter?
Kupetz: Nein, das ist heute eng mit dem Silicon Valley verbunden. Ich bin nicht mal sicher, ob es überhaupt genügend ausdifferenzierte Digitaldesign-Studiengänge in Deutschland gibt. In den 1980er Jahren hatte Mercedes vier Modellreihen, heute über 30. Und sucht händeringend Produktdesigner, die sich mit User Experience im Interior Design auseinandersetzen und Digitaldesign beherrschen.

Herr Zanzotti, Sie müssen in Ihrer Industriedesignpraxis ständig Hardwaregestaltung mit digitalen Interfaces und Services zusammenbringen. Wo liegen hierbei die größten Herausforderungen?
Zanzotti: Als Industriedesigner wird man in der Regel für klassische Produktgestaltung beauftragt. Sobald es um den Inhalt der Screens geht, reicht der Kunde das Projekt meist an Interfacedesigner weiter. Diese Silo-Denke halte ich für überholt. Ganzheitliches Design entsteht, wenn sich alle Beteiligten unabhängig von ihrer Disziplin gegenseitig absprechen.

Wie kann der Rat der Designwirtschaft beim Thema interdisziplinäres Arbeiten unter die Arme greifen?
Kupetz: Unsere Arbeitskreise, in denen wir Mitgliedsunternehmen zusammenbringen, sind hervorragende Kommunikationsinstrumente für Themen an der Schnittstelle zwischen Entwurfsarbeit und Wirtschaft. Darüber hinaus setzen wir uns intensiv mit den Fragen und Ideen junger Gestalter auseinander, etwa mit dem Newcomer-Designpreis ein & zwanzig oder dem des German Design Award. Dieser Austausch mit den Zielgruppen von morgen wird auch von unseren Mitgliedsunternehmen sehr geschätzt.
Zanzotti: Umgekehrt bedeutet so ein Preis für mich als Designer große Wertschätzung. In der Kreativbranche ist man es gewohnt, ständig an seinen Leistungen gemessen zu werden. Doch der Vergleich mit anderen wird immer schwieriger, weil der Markt so groß und die Disziplin so heterogen ist. German Design Award Newcomer zu sein, war auch eine Bestätigung, dass ich beruflich die richtige Spur verfolge. Das Preisgeld hat meinen Einstieg ins Berufsleben maßgeblich vereinfacht – ich konnte damit ein Jahr lang meine Miete in München zahlen. Außerdem hilft die Auszeichnung auch meinen Auftraggebern, meine Leistung einzuschätzen.

Sie führen Ihr Designbüro in München jetzt schon fünf Jahre, Herr Zanzotti. Was erwarten Sie denn als Unternehmer vom Rat für Formgebung?
Zanzotti: Ich weiß, dass der Rat für Formgebung für viele meiner Kollegen sehr abstrakt ist. Ihnen fehlt der Zugang, den ich über den Nachwuchspreis frühzeitig erhalten habe. Dabei interessieren jüngere Designer die Themen des Rat für Formgebung rund um Vertrags-, Marken- und Urheberrecht sehr, ebenso wie der Austausch, den die Institution bietet. Wünschenswert wäre ein Format, in dem sich erfahrene und jüngere Designer offen über ihre Alltagsprobleme zwischen Industrie und Dienstleistern austauschen können.

Sie haben vorhin die Strukturen angesprochen, die sich durch Globalisierung und Digitalisierung ändern. Was bedeutet das für Ihren Arbeitsalltag?
Zanzotti: Wir müssen ständig den Spagat zwischen großen, internationalen Unternehmen und kleinen Start-ups schaffen. Mit jedem Kunden gilt es sich an die grundverschiedenen Kommunikationsformen und Prozesse anzupassen. Wenn ich für einen klassischen Konzern arbeite, bedeutet das meist, einem geregelten Prozess zu folgen. Die Freiheit, aber auch die Verantwortung ist in kleinen Unternehmen meist größer. Der Wirkungsbereich als Industriedesigner reicht oft bis zur strategischen Planung. Die Herausforderung, sich in beiden Welten zurechtfinden zu müssen und von beiden zu lernen, ist hochspannend. Der Anspruch der Kunden, agil zu arbeiten und weltweit zu agieren, ist heute Standard.

Herr Kupetz, spiegelt sich diese strukturelle Veränderung auch im Rat wider?
Kupetz: Die Mitgliederzahl des Rat für Formgebung ist sehr stark gewachsen in den letzten zehn Jahren. Der produzierende Mittelstand und die Automobilindustrie prägten den Rat für Formgebung die längste Zeit. Nun erkennen junge Unternehmen, teilweise mit Start-up-Strukturen, die Möglichkeiten des Rat für Formgebung zunehmend für sich. Sie suchen den Austausch mit großen Unternehmen und Mittelständlern zu Themen wie Internationalisierung, Markenpositionierung und Business Design.

Christian Zanzottis prominenter Vorgänger: Hartmut Esslinger wurde 1969 für sein transportables Stereoradio als Nachwuchsdesigner ausgezeichnet.

Inspiration für Gestalter: Das »Ideal House« präsentierte auf der Kölner Möbelmesse die Visionen junger Designerpersönlichkeiten. Das Konzept von Ronan und Erwan Bouroullec wurde 2004 gezeigt.

Viele junge Designer machen sich gleich nach dem Studium selbständig, Herr Zanzotti. Sind Designunternehmen als Arbeitgeber nicht mehr gefragt?
Zanzotti: Ich kann jedem Studenten nur empfehlen, mit Erfahrung in die Selbständigkeit zu gehen. Es ist schwierig, Studenten auf die Arbeit in der Designbranche vorzubereiten. Der Beruf des Designers ist so komplex, dass die dreieinhalb Jahre bis zum Bachelor nicht ausreichen. Ich habe vor meiner Selbständigkeit mehrere Praktika gemacht und anschließend vier Jahre in Anstellung gearbeitet. Diese Lehrzeit zwischen Studium und Beruf halte ich für sinnvoll.

Kann der Rat diese Lücke zwischen den Generationen schließen?
Kupetz: Wir unterhalten einen Informationsdienst für alle designwirtschaftlichen Themen und bieten auch individuelle Beratung an. Darüber hinaus investieren wir mit der Stiftung Deutsches Designmuseum in die schulische Designbildung. Die Stiftung führt Seminare und Workshops zum Thema Design in Schulen durch. Mit unserem deutschlandweiten Netzwerk von 200 Designern, die diese Seminare von Grundschul- bis Gymnasialniveau anbieten, haben wir in den letzten drei Jahren 15.000 Schülerinnen und Schüler erreicht. Was vielleicht noch fehlt, ist eine Art Alumni-Programm, in dem Mentoren aus der Wirtschaft junge Gestalter ins Berufsleben begleiten. Damit könnte der Rat für Formgebung seine Aufgabe, an der Professionalisierung der Designdisziplin, des Berufs und der Prozesse mitzuwirken, sehr differenziert und auf höchstem Niveau in die Zukunft führen.


Die Entstehung des Rat für Formgebung

Designförderung in Deutschland gab es bereits im 19. Jahrhundert, allerdings primär auf regionaler Ebene. Die Fürsten der damals rund 150 deutschen Staaten legten Wert darauf, ihre heimische Industrie durch Mustersammlungen, vor allem mit Möbeln und Tischgerät, zu fördern. Als die deutsche Industrie nach der Reichsgründung 1871 einen unglaublichen Schub erhielt, fehlte eine angemessene Formensprache für industriell gefertigte Dinge. Man griff auf kunsthandwerkliche Vorbilder zurück, die mit dem industriellen Maschinenpark nur unzureichend kopiert werden konnten.
Mit dem Label »Made in Germany« brandmarkte Ende des 19. Jahrhunderts England die minderwertige Qualität deutscher Importe. Das führte dazu, dass 1907 der Deutsche Werkbund als erste Organisation von Künstlern, Architekten, Industriellen und Händlern gegründet wurde, um über den Formenkanon einer neuen Zeit nachzudenken. Das Bauhaus führte diesen Gedanken fort, wurde aber 1933 durch die Nazis geschlossen.
Theodor Heuss, erster Bundespräsident, war von 1915 bis 1933 Geschäftsführer des Werkbundes; Konrad Adenauer hat als Werkbund- Mitglied 1914 die erste Design-Weltausstellung in Köln finanziell ermöglicht. Ludwig Erhard hat mit der Gesellschaft für Konsumforschung in den 1930er Jahren die qualitative Marktforschung mit aus der Taufe gehoben. Diese Politiker waren nach dem Zweiten Weltkrieg sehr daran interessiert, das Niveau der deutschen Industrieprodukte zu heben, um sie exportfähig zu machen.
1951 beschloss der Deutsche Bundestag die Einrichtung eines Rats für Formentwicklung, 1953 gründete schließlich der Bund der deutschen Industrie die Stiftung Rat für Formgebung in Darmstadt. Als Geschäftsführerin wurde Mia Seeger berufen, die als ehemalige Sekretärin des Projektes Weißenhofsiedlung und Mitarbeiterin von Mies van der Rohe ein gutes Netzwerk sowohl in der Industrie als auch unter Designschaffenden vorweisen konnte.
Zentrale Aufgabe des Rat für Formgebung in den Anfangsjahren war es, gut gestaltete Produkte auf internationalen Ausstellungen wie zum Beispiel der Triennale in Mailand oder der Weltausstellung in Brüssel 1958 zu präsentieren. Bereits zu diesem Zeitpunkt investierte der Rat auch in die Nachwuchsförderung: Im Jahr 1969 bekam Hartmut Esslinger, späterer Gründer von Frog Design, den Nachwuchsförderpreis.