Empathie und Technik

Ob medizinische Versorgung, Textilfarbe aus Algen oder Schrift- und Raumgestaltung – die Bandbreite der Themen, mit denen sich die Finalisten für den Newcomer-Award 2019 des German Design Award befassen, ist enorm. Wer gewinnt, wird bei der Preisverleihung auf der Ambiente in Frankfurt am Main bekannt gegeben.

Interviews: Andreas Zwingmann

Essi Johanna Glomb

Unter dem Titel »Future Crafts« verbindet die Berliner Textildesignerin Essi Johanna Glomb (29) traditionelle Verfahren experimentell mit neuester Technologie und Erkenntnissen der Forschung.

© Martin Diepold

Smell Memory Tools, © Sven Gutjahr

Welche Rolle spielt für Sie die sinnliche Erfahrung bei Texturen, Farben und Oberflächen?
Essi Johanna Glomb: Ich möchte die olfaktorische, taktile und emotionale Erfahrbarkeit von Aktionsräumen untersuchen und die Grenzen zwischen digitaler und physischer Welt ausloten. In meinen Arbeiten versuche ich, eine analoge Sinnlichkeit zu erzeugen und dem Nutzer Intimität und Nähe zu Objekten zu ermöglichen.
Sie sind in Deutschland und Finnland aufgewachsen und leben seit zehn Jahren in Berlin. Beeinflusst das Ihre Arbeit?
Finnland hat mich geprägt, was Materialien und Handwerk angeht. Die Nähe zur Natur und zu nachhaltigen Materialien ist im skandinavischen Design sehr verbreitet. Deutschland ist dagegen eine Wissenschaftsnation. Es wird viel Wert auf strukturiertes Arbeiten gelegt. Diese Grundbausteine und die Dynamik Berlins haben meine Arbeitsweise beeinflusst.
Wie würden Sie Ihr Konzept »Future Crafts« umschreiben?
Bei der Entwicklung textiler und nichttextiler Materialien und Oberflächen verwende ich klassische handwerkliche Verfahren, verknüpfe diese jedoch mit Erkenntnissen aus Wissenschaft und Design und arbeite mit neuen Technologien. Diese Kombination verleiht den Ergebnissen Wärme und Vertrautheit.
studioblond.com

Gabriel Müller

Der Hamburger Industriedesigner Gabriel Müller (29) hat sich in seinen aktuellen Entwürfen mit Fragen des Gesundheitswesens und des öffentlichen Personenverkehrs befasst.

© Martin Diepold

Lunar – Nachtzugkonzept von Gabriel Müller: Es berücksichtigt die verschiedenen Bedürfnisse der Reisenden während Nacht und Tag.

Mensch oder Maschine – was steht im Zentrum Ihres Designansatzes?
Gabriel Müller: Immer der Mensch. In einer zunehmend komplexen und technologisierten Welt ist es Aufgabe der Designer, Dinge und Anwendungen so zu gestalten, dass sie sinnstiftend, nahbar und verständlich sind. Dabei werden wir auch immer öfter vor der Frage stehen, welchen Mehrwert eine neue Technologie in einem bestimmten Kontext mit sich bringt. Gestalter werden empathisch sein und abschätzen müssen, welches Verhalten den Einsatz neuer Technologien fördert.
Wie wird die medizinische Diagnostik der Zukunft aussehen?
Analog zu anderen Lebensbereichen wird die Diagnostik unmittelbarer erfolgen, und die Grenzen zum Expertentum werden verschwimmen. Daten können über immer kleinere, leicht zu bedienende Geräte erhoben werden. Die Menschen können zu Hause Messwerte ermitteln, wodurch die Kommunikation mit Ärzten orts- und zeitunabhängiger werden wird.
Was war für Sie die wichtigste Erkenntnis aus dem Workshop »Schlafen in öffentlichen Verkehrsmitteln«?
Ich habe den Workshop im Zuge der Projektarbeit am Thema »Nachtzug« initiiert. Es war sehr schnell zu erkennen, dass die Bedürfnisse unterschiedlicher Menschen beim Thema Schlafen mehr oder weniger die gleichen sind – es geht um Klima, das Gefühl von Sicherheit und darum, sich wohlzufühlen.
gabrielmueller.eu

Luzia Hein
Die Hamburger Grafikdesignerin Luzia Hein (28) beschäftigt sich mit Schriftgestaltung, Gestaltung im Raum und Corporate Design. Daneben ist sie Artdirektorin bei einem Taschenlabel.

© Martin Diepold

Yves Typeface – Schriftentwurf

Haben Sie, aus gestalterischer Sicht, ein Lieblingsbuch?
Luzia Hein: »Extraordinary Ideas – Realized « von James Turrell ist eines meiner Lieblingsbücher. Es gehört zur Serie der Geschäftsberichte von Zumtobel, die jedes Jahr von einem anderen Designer oder Künstler konzipiert und gestaltet werden. Das Buch hat eine japanische Bindung, und auf der Innenseite jedes Bogens findet sich ein dezenter Farbverlauf, der die Wirkung der Arbeiten des Künstlers aufgreift und einen tollen Effekt beim Blättern erzeugt. Auch der Umgang mit Bildern sowie die Papier- und Schriftwahl funktionieren sehr gut.
Sie haben für das Label Chi Chi Fan Taschen entworfen, die in den Farben des Sommers schwelgen. Wie wichtig sind Farbe und Form?
Es ist wichtig, eine passende visuelle Sprache zu finden, um den Inhalt eines Auftraggebers zu transportieren und dem Betrachter in kurzer Zeit begreifbar zu machen, um was es geht.
Wie wird sich die visuelle Kommunikation im Raum entwickeln?
Ein gelungenes Beispiel ist das Projekt »Superkilen« in Kopenhagen. Hier haben Architekten und Gestalter einen Park konzipiert, der von den Bewohnern des Viertels akzeptiert und genutzt wird, ja sogar zu einer Art neuem Wahrzeichen geworden ist. Es wäre schön, wenn auch in Zukunft mehr interdisziplinäre Projekte in der Stadtentwicklung verwirklicht werden würden.
luziahein.com

Rasa Weber und Luisa Rubisch
Gemeinsam mit den anderen Mitgliedern des Berliner Kollektivs They Feed Off Buildings werben die Produktdesignerinnen Luisa Rubisch (28) und Rasa Weber (29) für den Einsatz nachhaltiger Materialien.

© Martin Diepold

TFOB I They Feed Off Buildings - a new collective for material research, architecture and design, © Hannes Wiedemann

Wie lässt sich Ihr Konzept von Architektur charakterisieren?
Luisa Rubisch und Rasa Weber: Uns begeistert Architektur als dynamischer Prozess. Mit Urban Terrazzo lassen wir alte Häuser in neuen fortleben, betreiben an der Schnittstelle von Architektur und Design nachhaltige Materialentwicklung. Wir nennen dies eine neue Form der progressiven Denkmalpflege.
Wie wichtig ist Ihnen der Aspekt der Nachhaltigkeit?
Wir möchten so genannten Abfallmaterialien zu einem neuen Leben verhelfen. Allein in Berlin fallen pro Jahr etwa fünf Millionen Tonnen Bauschutt an. Wir überführen diese Reste alter Architekturen in einen nachhaltigen Materialkreislauf.
Welche Vorteile hat die Arbeit in einem Kollektiv wie »They Feed Off Buildings«?
Als Kollektiv vereinen wir ein Netzwerk aus Produzenten, Technologen und Kreativen. Diese ganzheitliche Arbeitsweise ermöglicht es uns, unsere Idee von Nachhaltigkeit umzusetzen. Als Designer, Fotografen und Filmer entwickeln wir gemeinsam unsere Narrative. Um für den ressourcensparenden Umgang mit Baustoffen zu sensibilisieren, nutzen wir neben einer neuen Materialästhetik auch Performance und Film. Außerdem arbeiten wir für den langen Weg hin zu einer industriellen Umsetzung eng mit einem bauchemischen Labor sowie verschiedenen Betonfertigteil-Werken zusammen.
urbanterrazzo.com
rasaweber.com

Frauke Zoë Taplik
Vom smarten Fahrradschloss bis zum tragbaren Faltboot – in den Entwürfen der Produktdesignerin Frauke Zoë Taplik (28) aus Offenbach zeigt sich ihre Vorliebe für Outdoor-Aktivitäten.

© Martin Diepold

Wasserläufer – Das Einpersonen Schlauchboot lässt sich ohne Werkzeug aufzubauen. Die Detailgestaltung unterstreicht die einzigartige Konstruktion.

Wie viel Zeit verbringen Sie im Freien?
Frauke Zoë Taplik: Ich bin sehr gerne im Freien und versuche, das Draußen- und Aktivsein in meinen Alltag zu integrieren, lege viele Strecken mit dem Rad oder zu Fuß zurück. Wenn ich die Zeit dazu habe, gehe ich wandern, Rad fahren, klettern oder probiere etwas Neues aus. Im Urlaub wird man mich eher auf einem Campingplatz finden als in einem Hotel.
Wie beeinflussen diese vielfältigen Erlebnisse in und mit der Natur Ihre Arbeit als Designerin?
Je nach Art des entsprechenden Projektes kann dies auf unterschiedlichen Ebenen stattfinden. Manchmal ergibt sich eine neue Fragestellung, eine Pflanze dient als Vorbild für technische Details oder die Ästhetik eines taubehangenen Spinnennetzes am Morgen inspiriert mich zu einerInstallation. Das Erleben der Verletzlichkeit unserer Umwelt führt mir auch regelmäßig die Verantwortung für nachhaltige Gestaltung vor Augen.
Barrierefreiheit bedeutet für Sie … ?
Gute Gestaltung kann dazu beitragen, dass Barrieren verschwinden und gestaltete Lebensbereiche allen Menschen zugänglich sind. Barrierefreiheit heißt für mich, Lösungen zu finden, die ästhetisch ansprechend, flexibel, zukunftsorientiert, einfach in der Handhabung und somit für möglichst alle Menschen gestaltet sind.
zoetaplik.com