Alles glänzt so schön neu

Wir müssen die Welt verändern. Alles ist im Wandel. Nur wer sich verändert, bleibt sich treu. Change we can believe in. Alles muss besser werden. Il faut être absolument moderne ... Man kennt die Leier. Leider bringt die Suche nach dem Neuen aber nicht immer auch Innovationen hervor.

Text: Markus Frenzl
Illustration: Lars Hammer

Jede erfahrene Reinigungskraft weiß., dass man das eigene Wirken deutlich sichtbar machen muss, indem man Möbel verrückt, Flakons im Bad umstellt und hie und da beim Putzen ein Väschen zerstört. Es darf nicht aussehen wie vorher, wenn man den Vorwurf der Untätigkeit vermeiden will. Auch beim Gestalten einer neuen Produktgeneration oder beim Redesign eines Logos gilt es, Engagement zu demonstrieren. Der Mut zum Wandel muss sichtbar sein, die Veränderung darf nicht zu klein ausfallen, wenn man sich nicht lächerlich machen will. Für das kürzlich, nur in Details überarbeitete Bayern-München-Logo etwa handelten sich Designer und Verein viel Häme ein: .Dafür hat jemand Geld bekommen?! . Das Ringen um Modernit.t, die Suche nach dem Ausdruck einer neuen Zeit, die Verbesserung der Lebensumstände, die Gestaltung einer neuen Gesellschaft, der .Neue Mensch., das Neue schlechthin zählen zum Antrieb unserer Disziplin und zum Ausgangspunkt aller ästhetischen Debatten. Wir Designmenschen glauben an das Neue, an die Planbarkeit und Gestaltbarkeit des Wandels. Wir sind die Weltenschöpfer, wir lieben Veränderungen und verdienen unser Geld damit. Wir sind die Influencer, Stürzen uns begeistert auf die ersten Produkte mit künstlicher Intelligenz und kaufen das neue iPhone selbst dann, wenn sich lediglich sein Kantenradius ein bisschen verändert hat.

Seitdem die Digitalisierung im Alltag angekommen ist, scheinen wir jedoch ein widersprüchliches Verhältnis zum Wandel zu haben. Vielleicht wird unsere Gegenwart im Rückblick deshalb stilistisch einmal als .Retrodigitale. eingeordnet werden, als eine Zeit, die rasenden technologischen Wandel mit einer erstaunlich vergangenheitsverliebten Ästhetik verband. In der die Moderne eine Emotionalisierung erlebte, als ob es nie funktionalistische Designansätze gegeben hätte. Als Zeit, die digitale Innovationen des 21. Jahrhunderts mit Retro-Formen des 20. Jahrhunderts verband – und die Objekte der Moderne mit den Wesensanzeichen der Digitale, den Displays, Kameralinsen, Touchpads und Headsets. Vielleicht waren also die weißen Apple-Kopfhörer so erfolgreich, weil sie zeichenhaft für den Strom des Neuen standen, der aus einem Braun-Zitat floss. Und was könnte besser für die Ankunft des Neuen stehen als das makellose, unschuldige und unbeschriebene Weiß, das schon beim .Schneewittchensarg . von Braun Vorbote des Wandels war?

Die Zukunft zu denken und den Wandel zu gestalten – Think different! –, ist seit Jahrzehnten Apples Werbestrategie. Hundertfach kopiert ist dabei aus der Suche nach einer Verbesserung der Lebensumstände die Suche nach einer Verbesserung der Verkaufsargumente geworden. Der Wandel wurde von einer hochpolitischen Haltung zur Floskel bei Minimalinnovationen: In deutschen Innenstädten schreit es zurzeit großflächig .Change. von Plakatwänden, und unter der Abbildung einer weißen E- Zigarette, die man auch für einen Schwangerschaftstest halten könnte, findet sich die selbstbewusste Behauptung .this changes everything!., was zum positiven Schwangerschaftstest tatsächlich besser passen würde. Weil Wandel das Signet erfolgreicher Unternehmen zu sein scheint, hat Change ein eigenes Management bekommen, das seine Präsenz ebenso bekunden muss wie die Väschen zerstörende Putzkraft. Change-Prozesse müssen in alle Unternehmensbereiche implementiert, das Neue muss immer schneller gedacht und in Produktform auf den Markt gebracht werden. Dabei nimmt eine neue Produktgeneration auch praktische Verschlechterungen in Kauf: Das neue MacBook Pro etwa hat so innovative USB- Anschlüsse, dass der Early Adopter immer ein ganzes Sortiment applewei.er Adapter mitführen muss. Das Verbindungskabel zwischen Computer und Netzteil lässt sich nicht mehr auf ausklappbare Flügelchen aufwickeln, die ebenso dem Fortschritt weichen mussten wie der sinnvolle MagSafe-Anschluss. Vermutlich klackert die neue Tastatur auch nur deshalb so laut, damit man bei Konferenzen so unangenehm auffällt, dass man sich bald die nächste MacBook- Generation mit einer dann revolutionär neuen Tastatur kaufen muss. Die neue ICE-Generation demonstriert ihre Fortschrittlichkeit mit einer Reservierungsanzeige in den Kopfstützen der Sitze, die dazu führt, dass man sich bei der Platzsuche im Zug ständig nach unten bücken muss, anstatt wie bei der vorherigen Generation auf einen Blick, ja sogar vom Bahnsteig aus, sehen zu können, wo sich freie Sitze befinden. Große Info-Displays mitten in den Wagen lassen eher den Eindruck einer S- Bahn entstehen. Helligkeit verhindert den kleinsten Hauch langstreckentauglicher Behaglichkeit. Die Zeichenhaftigkeit des Wandels der Moderne – Einfachheit, Schmucklosigkeit, Helligkeit, Licht, Transparenz – ist zum Topos geworden, der reflexhaft bemüht wird, wenn Modernit.t demonstriert werden soll.

Lange war die Logik des Wandels auch eine Logik des Wachstums. Mit Klimawandel, Globalisierung, Hyperökonomisierung und digitalem Fortschritt hat sich aber auch unser Blick auf den Wandel gewandelt. Die heilsbringerhaft angekündigten Lebensveränderungen, die von einer andersartigen E-Zigarette oder Apples HomePod zu erwarten sind, wirken angesichts globaler Umbrüche fast schon rührend. Natürlich gilt es, den gesellschaftlichen, technologischen und kulturellen Wandel zu gestalten. Wir brauchen Mut zu Veränderungen. Aber wir sollten besser darauf achten, dass eines der Kernthemen unserer Disziplin nicht zur nikotingelben Werbefloskel verkommt. Und nicht zu viele Väschen runtergeschmissen werden, um Tatendrang zu demonstrieren. l