Hundertjährige Geburtstagsmythen

I See Bauhaus, die Jubiläums-Schablone und die Moderne als Marke – auf Designhistoriker kommen harte Zeiten zu.

Text: Markus Frenzl
Illustration: Lars Hammer

Kürzlich schrieb ein Journalist in einer Tageszeitung, auch in Frankfurt seien viele Bauten der Bauhaus-Architektur zu entdecken, nämlich die des Neuen Frankfurt. Das ist – um im Zeitalter der Hyperökonomisierung einen Vergleich aus der leicht verständlichen Markenwelt zu bemühen – in etwa so, als würde man sagen, auch in Sindelfingen fänden sich viele BMW, und zwar die von Mercedes.

Es ist erfreulich, dass sich eine breite Öffentlichkeit und ausnahmsweise sogar die Politik für ein Designthema begeistern. Doch was in Vorbereitung auf das Bauhaus-Jubiläum 2019 bereits jetzt veröffentlicht wird, lässt ein hartes Jahr für Designhistoriker erwarten: Das stilwerk etwa stellt auf seiner Microsite »100 Jahre bauhaus. 100 Designikonen« hundert Dinge »aus dem faszinierenden bauhaus Repertoire« vor und zeigt dabei auch den Ulmer Hocker, der zwar mehr als 20 Jahre nach dem Ende des Bauhauses entworfen wurde, aber immerhin unter Beteiligung eines ehemaligen Bauhäuslers. Designversender und PR-Agenturen stellen längst zu jedem einigermaßen schlichten Entwurf einen bedeutungsvollen Bauhaus-Bezug her. Und selbst der Bauhaus Verbund 2019, zu dem sich die drei Bauhaus-Institutionen zusammengetan haben, um in Kooperation mit dem Bund und elf Bundesländern ein ambitioniertes Jubiläumsprogramm mit Ausstellungen, drei neuen Bauhaus-Museen und unzähligen Aktionen zu koordinieren, scheut sich hier und da nicht vor ein bisschen Vereinfachung, New-Media-Banalitäten und Kommerz: Auf der »100 Jahre Bauhaus«-Site wird etwa auch Schütte-Lihotzkys »Frankfurter Küche« vorgestellt; es gibt eine »I See Bauhaus«-App, mit der man eine «Jubiläums-Schablone« über seine Sicht auf das Bauhaus legen soll, oder es werden 100 Orte in Deutschland zu einer »Grand Tour der Moderne« verbunden, die manchmal mehr, manchmal gar nichts mit dem Bauhaus zu tun haben. Gleich auf der Startseite erfährt man auch, was für die Beteiligten die heutige Relevanz der Hochschule ausmacht: »Sie gilt als wirkungsvollster Exportartikel von Kultur aus Deutschland im 20. Jahrhundert.«

Das Bauhaus selbst war schon zu seinen Lebzeiten zwischen 1919 und 1933 der Kommerzialisierung seiner Ideen nicht abgeneigt. Es wurde zu einer Marke, die einige findige Unternehmer und Bauhäusler bereits damals und noch nach der Schließung durch die Nationalsozialisten erfolgreich kommerziell verwerteten. Doch zum Hundertjährigen werden sich nun wohl mehr Unternehmen mit der Bauhaus-Tradition schmücken als es Bauhaus-Schüler gab. Um ja nicht zu spät dran zu sein, stellten einige bereits im Januar auf der Kölner Möbelmesse ihre bauhausbezogenen Produkte vor. 2019 wird dann wohl jeder Möbelhersteller, der jemals ein Stück Stahlrohr gebogen hat, socialmediatauglich seine Bauhaus-Verbundenheit bekunden und eine limitierte Jubiläumsedition herausgeben, die im absurden Kontrast zu den einstigen Ideen steht, erschwingliche und gebrauchstüchtige Objekte für jedermann zu erschaffen.

Längst ist »Bauhaus« zu einer Dachmarke der Moderne geworden, unter der pauschal alles versammelt wird, was es an Bewegungen in Architektur und Design zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab, von Aspekten der Neuen Sachlichkeit, des Neuen Bauens oder auch den sozialreformerischen Bewegungen der Zeit geprägt war und sich an verschiedenen Orten der Welt Bahn brach. Schon 1964 hatte Walter Dexel in seinem Text »Der ›Bauhausstil‹ – ein Mythos« die unreflektierte Verwendung als Stilbegriff kritisiert: »Man kann nicht mit dem Schlagwort ›Bauhausstil‹ ein weit gespanntes, aus vielen Wurzeln gewachsenes Geschehen einfach zudecken. Das Wort ›Bauhausstil‹ ist ein Mythos, ist eine unerlaubte Simplifizierung und ein ungerechtes Verschweigen der vielen bedeutenden Kräfte, die am Stil jener Zeit gearbeitet haben.«

Zu seinem runden Geburtstag hat sich das Bauhaus nun von einem simplifizierenden Stilbegriff zu einem omnipotenten Marketing-Buzzword weiterentwickelt: Bauhaus ist das Gütesiegel für designorientierte Hersteller. Bauhaus ist der beschwörende Begriff für gestalterische Mitmachaktionen, die Design wieder für jedermann zugänglich machen sollen. Bauhaus steht für Social Design und radikale Experimente. Bauhaus ist das Deutschlandlabel für designinteressierte Europatouristen aus Asien. Bauhaus ist der erfreulich gut gefüllte Forschungstopf der Bundeskulturstiftung, der sich mit geschickt formulierten Anträgen auch von Fakultäten oder Initiativen anzapfen lässt, die sonst leider kaum an ministeriales Geld kommen. Bauhaus ist die Designhistorie, für die unter allen Umständen ein Gegenwartsbezug konstruiert werden muss. Bauhaus ist das Synonym für geometrischen Formalismus.

Die Bedeutung des Bauhauses, des Neuen Frankfurts und anderer Bewegungen des frühen 20. Jahrhunderts liegt jedoch vorrangig im Versuch, eine bessere, demokratischere, gerechtere und durchlässigere Gesellschaft zu denken und ihre konkreten Lebensbedingungen zu gestalten. An diesem Maßstab muss sich jedes Unternehmen messen lassen, das sich im Jubiläumsjahr mit dem Label »Original Bauhaus« Umsatz verspricht. Jeder Hersteller sollte sich die Frage stellen, ob er nur für die Formen oder auch für die Ideen der 100 Jahre alten Avantgarde stehen will. Ob es nicht an der Zeit wäre, den Avantgardebegriff mit zeitgenössischen Designerinnen und Designern neu zu definieren und Lösungen für die gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart zu denken. Und ob sich auch ein differenzierteres Bild der Moderne zeichnen ließe, damit sich nicht irgendwann auch de Stijl, das Neue Frankfurt oder die Weißenhofsiedlung ausschließlich in den Bauhaus-Büchern finden, die während des Bauhaus-Studiums an den Bauhaus-Fakultäten in Bauhaus-Land gelesen werden.