Analogattitüden

Weil ich ein Influencer bin, habe ich diese Kolumne auf einer alten Schreibmaschine mit ausgeblichenem Farbband getippt und persönlich in die Redaktion gebracht. So good!

Text: Markus Frenzl
Illustration: Lars Hammer

Es ist eine gut bekannte Tatsache«, so schreibt es der Sitzsack-Hersteller Fatboy zum Start seiner aktuellen Kampagne, »dass soziale Medien und der Vormarsch der Technologie eine Umgebung des Drucks erzeugt haben – sowohl physisch als auch mental. Die bittere Realität: 15 Prozent junger Erwachsener in Großbritannien leiden täglich unter Stress, 14 Prozent niederländischer Jugendlicher haben einen Burn-out erlebt und in Frankreich zerbrechen mehr und mehr Millennials schlichtweg unter dem Druck.« Das Unternehmen habe es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, dazu zu ermutigen, »einen Gang runterzuschalten und sich zu entspannen«, und möchte dazu den Begriff »fat« zum Schlachtruf machen – selbst wenn Schlachtrufe und Entspannung für den ein oder anderen Millennial vielleicht nicht so ganz zusammenpassen.
Es scheint längst ausgemacht, dass wir durch die Digitalisierung die Kontrolle über unser Leben verloren haben. Die allumfassende Digitalverblödung ist deshalb in den letzten Jahren zum Narrativ einer postdigitalen Gesellschaft geworden, die sich nun ebenso beiläufig über die Absurditäten des Online-Datings (Ghosting! Love Bombing! Dick-Pics!) unterhält wie früher über das Wetter. Dazu hat sie sich auf einige Gewissheiten verständigt: Die digitale Welt ist verantwortlich für den Verfall unserer Kultur und die Verrohung der Sitten. Sprachassistenten sind böse und dienen ausschließlich der Überwachung. Alle Hollywood-Dystopien über Roboter werden eintreten. Smartphones sorgen für soziale Kälte, digitale Demenz, Probleme mit der Halswirbelsäule, Burn-out, neues Suchtverhalten und neue Angststörungen wie FOMO. Die Künstliche Intelligenz ist der Anfang vom Ende der Menschheit. Und Social Media ist schuld an Trump.
Schon scheint es die Option, dass wir nach einer Zeit des unkontrollierten und unreflektierten Digital-Hypes zu einem vernünftigen Umgang mit den Digitalmedien kommen könnten, nicht mehr zu geben. Medien, die einst als »sozial« gedacht waren, werden immer schneller vom Kommerz vereinnahmt. Selbst Experten wie der Internetpionier Jaron Lanier fordern angesichts von Big Data, Überwachung und Filterblasen dazu auf, alle Social-Media-Accounts zu löschen.
Auf Instagram haben sich die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem komplett aufgelöst. Hier parodieren sich die Influencer unfreiwillig selbst und liefern die Vorlage für Medienkünstler, die Bildmotive und Hashtags nur kopieren müssen, um eine absurd überzogene Selbstinszenierung und eine bedenkenlose Kommerzialisierung zu kritisieren. Auch einstige Digitalinsignien wie Google Glass oder die Apple AirPods haben sich zu den Erkennungszeichen von Technikopfern und Connectivity- Nerds gewandelt. Für die Demonstration von Fortschrittlichkeit sind sie damit gänzlich unbrauchbar geworden. Das Digitale taugt nicht mehr zur Distinktion.
Noch vor ein paar Jahren war die Digitalskepsis das Privileg einer älteren Generation, die ausgelacht wurde, wenn sie sich weigerte, ein Facebook-Profil anzulegen. Jetzt aber ist Digitalverweigerung zum Trend der Millennials, ja zu einer Hipsterattitüde geworden. Das Analoge wird zum Distinktionsmotiv der Digital Natives, die es als Nonkonformismus verkaufen, ein altes Nokia zu benutzen, nicht bei WhatsApp zu sein, die demonstrativ in ein Notizbuch statt auf ein iPad schreiben, die sich einen Filterkaffee aufbrühen und damit Digital Detox betreiben. Nicht immer ist ihre Digitalkritik ganz konsequent: »Eure Spione kommen mir nicht ins Haus!«, schreibt der User unter eine Alexa-Werbung, der sein gesamtes Privatleben auf Facebook öffentlich postet.
Je mehr unser Leben im Display stattfindet, umso mehr entdecken wir die Qualität des Analogen neu. Ebenso wie die hyperökonomisierte Leistungsgesellschaft von uns nun auch Ökonomiekritik und Leistungsverweigerung verlangt, verlangt die digitale eine Rückbesinnung aufs nicht Digitale. Wir versehen unsere Progressivität jetzt mit Begriffen wie »Post-Digital« oder »Post-Internet« und tarnen damit oftmals nur Retro und einen neuen Konservatismus. Wir installieren uns mit dem nächsten iOS-Update die Screen-Time-App, die uns genau aufschlüsselt, wie viel Zeit wir auf Twitter oder Facebook verbringen und uns ein bewussteres Onlineverhalten erlaubt. Denn die Gegenentwürfe zu Handysucht, Digitalisierungswahn und Datenmissbrauch werden selbstverständlich sofort zur nächsten App, zum Geschäftsmodell des nächsten Start-ups oder des neuesten Onlineportals.
Längst buhlen die Werber mit den Themen Digitalverzicht und Digitalparodie um die Gunst der Millennials. Mövenpick wirbt mit einer hippen Freundesgruppe, die sich bewusst einen WLAN-freien Ausflugsort aussucht und das Smartphone in der Tiefkühlbox auf Eis legt, weil wohl nur dann »Happy Moments« und eine Konzentration auf das Salted-Caramel-Eis möglich sind. Die Sparkasse wirbt für ihren App-Bezahldienst Kwitt mit dem hauseigenen, ganzkörpertätowierten Testimonial »Der Bote«, der die Absurditäten des Influencer-Marketings parodiert und genauso wie die handelsüblichen Influencer in der Badewanne rein zufällig von Unmengen des beworbenen Produktes umgeben ist.
Denn natürlich muss auch die Digitalkritik mediengerecht unter die Leute gebracht werden. Um den Burnout unter den digitalgestressten Millennials zu bekämpfen, hat sich Fatboy für seine Kampagne deshalb mit den unangefochtenen Experten unserer Zeit für realistische Körperbilder, für die Abbildung des Authentischen und die Vermeidung sozialen Drucks zusammengetan: mit »prominenten Influencern aus Europa«. – Her mit euren Fat-Pics!