Besuch bei Nani Marquina

Vor 30 Jahren gründete die spanische Industriedesignerin Nani Marquina ihr Unternehmen für moderne Designteppiche. Inzwischen hat ihre Tochter María Piera das Steuer der Marke Nanimarquina in der Hand. Ein Gespräch über Unternehmerdasein und Generationenwechsel, kreative Kollaboration und Designerträume.

Interview: Wiebke Lang
Fotografie: Albert Font

Nani Marquina vor einer Wand mit Erinnerungen in ihrem Büro.

Als mein Flieger an diesem Abend Ende September in Barcelona landet, ist der Aufruhr in der Stadt groß. Einige Stunden zuvor hat die spanische Regierung die ersten katalanischen Regionalpolitiker festnehmen lassen, um das Referendum zur Unabhängigkeit Kataloniens zu verhindern. Ich treffe Nani Marquina und ihre Kommunikationsmanagerin Lucía de la Rosa zunächst im Restaurant Mordisco, einem von Nanis Lieblingsorten in der Stadt. Die studierte Industriedesignerin, die 1987 das Unternehmen Nanimarquina gründete und mit außergewöhnlichen Teppichentwürfen schnell von sich reden machte, ist eine zierliche Frau mit lebhaftem Blick, rauer Stimme und enormer Ausstrahlung, scheu und zugleich sehr klar in ihren Aussagen. Sie zeigt mir stolz das großflächige Gemälde ihres Kollegen Javier Mariscal an der Wand – an dem Tisch darunter hat sie seit den 1980ern oft mit Freunden aus der lokalen Kreativszene gesessen. Mariscal ist der erste Designer, mit dem Nani Marquina kooperierte. Bald folgten Projekte mit Tord Boontje, Ron Arad, Milton Glaser, Ronan und Erwan Bouroullec. Die Gestalterin berichtet vom aufwändigen Entwicklungsprozess: Ein Teppichmodell braucht vom ersten Entwurf bis zum Marktlaunch etwa drei Jahre – die Produktion eines komplett handgefertigten Teppichs zwischen eineinhalb und drei Monaten. Die Familienunternehmerin lässt ihre Produkte von kleinen Teppichherstellern in Indien und Pakistan fertigen. Sie erweitert ihr Wissen um traditionelle Web- und Knüpftechniken stetig und besucht ihre Lieferanten regelmäßig. Nani Marquina zeigt auf ihrem Handy Reisefotos: sie und ihr Mann zu Gast bei indischen Lieferanten; neben pakistanischen Dorfältesten; auf dem Moped in einem pakistanischen Dorf. Kinderarbeit gibt es bei ihr nicht; die Firma unterstützt verschiedene ökologische und Bildungsprojekte in Südasien.

Das Studio von Nani Marquina in einer ehemaligen Textilfabrik liegt in Barcelonas Altstadtviertel Gràcia, in dem viele Kreative in fast dörflicher Atmosphäre arbeiten und leben.

Elena Marquina, Nani genannt, ist die Tochter des Designers und Architekten Rafael Marquina. Ihre Familie stammt aus Barcelona – kein Wunder, dass sie an diesem Abend nicht ganz bei der Sache zu sein scheint. Die Katalanin schaut oft auf ihr Mobiltelefon, auf dem in schneller Folge WhatsApp-Nachrichten eintreffen. Nani und Lucía erklären mir offen ihre Sicht auf den Konflikt in Katalonien, bis wir uns verabschieden. Am nächsten Morgen wirkt die Stadt, als hätte sie sich beruhigt. Zum Interview besuche ich die Designerin in ihrem hellen Atelier, einem Fabrikloft im alternativen Stadtviertel Gràcia.

 

Gibt es Neuigkeiten aus der Politik?
Nicht wirklich. Gestern waren die Leute aufgeregt, heute sind sie deprimiert. Die spanische und die katalanische Regierung sollten sich endlich mal zusammensetzen und miteinander sprechen – es gibt seit Jahren keinen Dialog.

Spielt Ihre spanische Identität eine Rolle beim Gestalten?
Ja. Unsere Kreativität ist leidenschaftlicher, risikobereiter. Javier Mariscal – mein Freund, meine Inspiration – spielt zum Beispiel gern mit Regeln und bricht sie ...

Wie würden Sie Ihren eigenen Designansatz beschreiben?
Ziemlich intuitiv, in Kombination mit intensiver Recherche. Ich möchte wissen, was die Konsumenten wollen, was sie fühlen. Es geht um sinnliche Erfahrung; man muss sich in einen Teppich verlieben können. Cuadros von 1996 ist sehr einfach, aber die Leute lieben das Modell. Heute sieht man überall Kopien, etwa bei Ikea, aber 1996 war diese Art, mit Farben umzugehen, völlig neu. Mir geht es darum, die Elemente, die in einem Teppich stecken und ihn ausmachen – die Webtechniken, die Fasern –, zu verstehen. Anschließend versuche ich etwas im Entstehungsprozess zu verändern.

Was zum Beispiel?
Etwa bei Topissimo, der 2000 sehr erfolgreich war: unser erstes Modell mit Volumen! Hier hat mich die Technik, das Handtuften, inspiriert. Dabei wird der Faden mit einer Handtuft-Maschine von hinten einzeln durch den Teppich geschossen und anschließend auf der Rückseite mit Latex fixiert. Danach werden die Fäden auf der Vorderseite auf eine identische Höhe geschoren. Wir haben uns gefragt, warum der Flor eigentlich gleichmäßig hoch sein muss – und mit einer Schere ein dreidimensionales Muster herausgeschnitten.

So funktioniert Handtuften: Die Rückseite des Modells Topissimo.

Ihr Ansatz erinnert ein wenig an Hella Jongerius. Lucía berichtete, dass Sie kürzlich ihre Ausstellung im Design Museum London besucht haben.
Eine tolle Schau. Hella geht sehr sensibel mit Farbe um und investiert viel Zeit in Research. Uns verbindet die Leidenschaft für Farben, Textilien und Materialien. Im Gegensatz zu ihr bin ich aber Designerin und Unternehmerin in einer Person. Als Designdienstleisterin, die für verschiedene Unternehmen arbeitet, ist sie unabhängiger. Bei mir ist das Thema Sales ständig präsent; das ist nicht immer einfach für einen Kreativen.

Was ist denn die größte Herausforderung, wenn man als Gestalterin zugleich auch als Unternehmerin agieren muss?
Anzuerkennen, dass beides gleichzeitig möglich ist. Das habe ich anfangs nicht verstanden und sehr gelitten. Ich hatte die Firma ja nur gegründet, weil ich dachte, dass das der einzige Weg sei, meine eigenen Entwürfe auf den Markt zu bringen. Es war in den 1980ern schwierig, modernes Teppichdesign an Firmen zu verkaufen.

Wie kamen Sie als Industriedesignerin überhaupt dazu, Teppiche zu gestalten?
Das war eine zufällige Entwicklung. In den 1980ern kam Design aus Italien, nicht aus Spanien. Vor allem Leuchten und Möbel. Was fehlte, waren zeitgemäße Teppiche. Wir waren Pioniere! Ich habe 1985 meine eigene Firma gegründet. Damals war ich 34 und haderte ganz schön mit meiner Position: Ich wollte keine Managerin sein, sondern gestalten. Unterdessen bin ich daran gewöhnt, alle Entscheidungen zu treffen – und es ist nicht so übel! (lacht) Ja, ich liebe diese Arbeit. Aber im November werde ich 65. Ich will zurück zu meinen Wurzeln und gestalten, gestalten, gestalten ...

Wie viel Prozent macht denn der kreative Anteil, wie viel der Management-Part aus?
Inzwischen arbeite ich 60 bis 70 Prozent im Designbereich.

Das ist doch eine Menge!
Ich entwerfe ja nicht nur selbst, sondern arbeite mit vielen verschiedenen Designern zusammen. Das bindet die Aufmerksamkeit enorm.

Nani Marquina und die Produktdesignerin Elisa vergleichen ihre eigenen Zeichnungen und Webproben mit den Ergebnissen der Teppichhersteller.

Wie viele interne und wie viele externe Designer sind es?
Außer mir gibt es zwei weitere Designer bei Nanimarquina. (Sie geht eine auf dem Schreibtisch liegende, mehrseitige Produktliste durch.) Wir vertreiben viel mehr externe als interne Entwürfe. Das Modell hier stammt übrigens von Mathias Hahn, einem deutschen Produktdesigner. Wir haben ihn Anfang des Jahres im designreport vorgestellt (siehe designreport 1/2017, S. 34).

Wie ist die Zusammenarbeit mit ihm?
Wir kooperieren erst seit Mitte 2017 mit ihm. Er arbeitet sehr viel und sehr gut. Und er hat ein Händchen für starke Farben. Als ich seine ersten Entwürfe sah, dachte ich: Woooow! Aber im Anschluss ist noch eine Menge zu tun. Wir sind es, die den Teppich produzieren, den Prototyp machen lassen, den Entwurf mit dem Markt abgleichen müssen. Manche Farben sind einfach zu präsent für die Endverbraucher. Inhouse-Design umzusetzen, ist tendenziell leichter.

Ist die Zeit der Stardesigner nicht sowieso vorbei?
Nein, nein. Ich glaube, es ist gut, beides zu kombinieren. Wir haben unseren eigenen Stil, aber externe Ideen sind wichtig für das Unternehmen. Und natürlich sorgen internationale Designer für Popularität.

Wie läuft so eine Kooperation ab?
Unsere erste internationale Kooperation 2005, Tord Boontjes Little Field of Flowers, ist ein gutes Beispiel. Er hat zunächst eine Skizze gemacht, mit vielen Blumen. Wir haben vorgeschlagen, den Entwurf in 3-D umzusetzen. So sind die dreidimensionalen Filzblumen im Teppich entstanden.

Wie viel Anteil hatte Tord Boontje, wie viel Sie am kreativen Entwurf?
Oh, er hat die Inspiration geliefert ... Also nicht so viel. Doch, das ist wichtig! Hätten wir seinen Entwurf nicht bekommen, wären wir wahrscheinlich nie in diese Richtung gegangen. Unsere Expertise ist nun einmal die Umsetzung – ich kannte die Technik, die das Einarbeiten der Blumen ermöglicht. Wir sind froh über die externen Kollaborationen, weil sie uns herausfordern. Ein aktuelles Beispiel, bitte. Mathias Hahn haben wir bei seinem letzten Besuch gezeigt, wie man webt, und ihm anschließend einen kleinen Webrahmen zum Ausprobieren mitgegeben. Und jetzt arbeitet und arbeitet er – und schickt uns ständig neue Webmuster. Wirklich komplexe Entwürfe! Die in großflächige Teppiche zu übersetzen, ist ziemlich anspruchsvoll.

Ist es nicht hart für Sie als Designerin, mit anderen starken kreativen Persönlichkeiten zusammenzuarbeiten?
Es gibt natürlich schwierige Momente, aber wir würden die Designer nicht auswählen, würde ihre Haltung nicht zu uns passen oder wären sie nicht gut genug. Und: Ich verstehe sie. Ich wertschätze Kreativität sehr! Manchmal vertraue ich ihnen auch dann, wenn ich anderer Meinung bin, etwa in Bezug auf die Farbgebung. Bei den Bouroullecs zum Beispiel war das so.

Die beiden sind natürlich extrem professionell ...
Ja. Aber manchmal liegen Designer auch falsch – sie haben vielleicht Erfahrungen im Möbelbereich, aber nicht mit Textilien. Gerade Teppiche müssen immer im Zusammenspiel funktionieren: mit Farbe und Struktur des Bodens, der Decke, mit den Objekten im Raum ...

Was ist das Besondere in der Teppichgestaltung?
Ein Teppich muss zum Interieur, zum Stil und zur Atmosphäre passen – und das jeden Tag. Das ist komplex. Ein Teppich ist wie ein Bild auf dem Boden, und zwar ein sehr großes. Menschen entwickeln eine Beziehung zu ihrem Teppich, die lange halten muss. Daher wollen viele Menschen einfache Farben und Muster. Es geht also nicht darum, ob man eine Farbe mag, sondern darum, mit welchen Dingen Nutzer den Teppich kombinieren werden.

Der luftige Eingangsbereich des Studios mit einem Teppich des spanischen Designers Jaime Hayon.
Nani Marquina lässt sich von Bildern, Farben, Strukturen und Materialien aus aller Welt inspirieren.


Macht es einen Unterschied, dass Sie als Frau das Unternehmen führen?

Ja. Frauen und Männer haben einen unterschiedlichen Blick auf die Welt. Frauen bringen oft eine größere Sensibilität für Details mit, legen mehr Wert auf Beziehungen. Für mich ist schon wichtig, dass meine Mitarbeiter und Lieferanten gern mit uns arbeiten. Nur sieben unserer 24 Mitarbeiter sind Männer.

Sie haben eine große Familie, mit der sie teilweise zusammenarbeiten. Ihre Schwester verantwortet als Grafikdesignerin das Branding bei Nanimarquina.
Wir sind vier Schwestern, die alle Kinder und zum Teil auch Enkelkinder haben. Und alle sind kreativ – auch meine drei Nichten sind Designerinnen!

Ihre Tochter María Piera ist seit 2015 CEO von Nanimarquina. Wie war der Wechsel?
Inzwischen läuft es gut, aber am Anfang hatten wir viele Auseinandersetzungen. María ist mit Anfang zwanzig eingestiegen und hat intensiv in allen Abteilungen gearbeitet, um sich einen Überblick zu verschaffen. Als Ökonomin hat sie natürlich eine andere Perspektive. Sie interessiert sich für die Rentabilität des Unternehmens, hat aber auch Verständnis für unsere Designhaltung. Wir arbeiten sehr respektvoll zusammen, aber einfach war der Wechsel nicht – schließlich ist sie meine Tochter, und ich bin die Gründerin. Deshalb hatte ich überlegt, mir neue Verantwortlichkeiten in einem externen Projekt zu suchen. Jetzt bin ich Präsidentin von FAD, der Design Association von Barcelona. FAD war eine Art Ausweg, wenn María und ich zu viel diskutierten. Heute sind wir ein tolles Team, sie ist sehr gut in den Bereichen Sales und Presse.

Mischt sie sich in den Designprozess ein? Sie macht keine konkreten Vorgaben, aber doch genaue Briefings wie die Bitte, dem Trend neutraler Farben zu folgen. María ist nah am Markt, kennt Konkurrenz und Nutzerbedürfnisse sehr gut. Der Erfolg unseres aktuellen Bestsellers Tres ist auch ihr zu verdanken. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich einen Boss habe, einen Auftraggeber – aber ich mag das! Ich muss meine Rollen zusammenbringen und dabei Kompromisse machen: Als Mutter will ich das Beste für meine Tochter, aber ich bin natürlich auch Designerin ...

María ist wirklich der Boss?
Ich bin die Präsidentin, aber sie ist der Boss. Das Unternehmen ist ja ... für sie. Stück für Stück ziehe ich mich zurück, auch wenn das manchmal schwer ist.

Gibt es Ähnlichkeiten zu der Beziehung zwischen Ihnen und Ihrem Vater?
Nein! (lacht) Er war ein Mann, wir hatten ein anderes Verhältnis, und er war Designer. Wir haben auch nie zusammengearbeitet.

Hat er Sie unterstützt?
Wir teilten die Fähigkeit, mit Farben umzugehen. Aber er riet mir, als Innenarchitektin zu arbeiten, weil Industriedesign im Spanien der 1970er noch unbekannt war. Ich musste allen Freunden erklären, was das überhaupt ist – das könnte heute nicht mehr passieren.

Nanimarquina vertreibt neuerdings auch die Ölkaraffe aus Glas, die Ihr Vater 1961 entworfen hat. Wollen Sie mit neuen Produktlinien expandieren?
Nein. Wir planen zwar zu expandieren, aber im Bereich Sales, vielleicht in Asien und UK. Die Reedition der Karaffe ist einfach nur eine Hommage an meinen Vater. Ich selbst mag Keramik lieber – das Material ist wärmer, ich mag seine natürliche Textur. Ich habe ein Haus in Bisbal, einer kleinen Stadt an der Costa Brava mit einer langen Keramiktradition. Vielleicht versuche ich mich mal im Keramikdesign ...